Seit Tagen befinden wir uns wieder auf dem Hochplateau des mächtigen Andenstranges, der gleichsam einer Wirbelsäue den südamerikanischen Kontinent durchzieht. Hier oben lebt die indigene Bevölkerung von dem was die kargen Böden bis auf über 4000 Meter Höhe hervorbringen, und was sie von den domestizierten Alpacas und den wildlebenden Vicuñas gewinnen können. Ihre Produkte handeln sie noch immer auf lokalen Märkten, die fast in jedem Dorf zweimal pro Woche sattfinden. Die Zeit scheint in dieser rauen Umgebung stehen geblieben zu sein, wo das Leben noch genauso so hart und entbehrungsreich ist wie vor Jahrhunderten. Wir schauen in Gesichter der Indios, die geprägt sind vom rauen Klima und in die sich die ausgetrocknete Landschaft einpflügte, ohne ihnen jedoch die Liebenswürdigkeit genommen zu haben. Es sind die markigen Gesichter, die uns an Bilder der Inkas erinnern, wie wir sie bereits vor vierzig Jahren sahen.

Über die Abstammung der hier lebenden indigenen Volksgruppen erzählt uns Maria während einem Stadtrundgang in Cusco und weist gleich zu Beginn mit Stolz darauf hin, dass sie vollkommen indigener Abstammung sei. «Kein Gen in in mir ist spanischer Herkunft», lacht sie uns an. Maria hatte in Lima Geschichte und Archäologie studiert, bevor sie hier begann Touristen durch die Stadt zu führen. «Ich fühlte mich auch nie wohl unten in der Grossstadt und ich wollte wieder zurück zu meiner Familie».

In nur 300 Jahren schuffen die Inkas ein Reich, das seinesgleichen sucht in Südamerika

Wir schlendern mit ihr durch die engen Gassen Cuscos, die vor etwa 800 Jahren, zur Blütezeit der Inkas, die Zentrale des grössten je in Südamerika existierende Reiches war. «Der erste Inka, ‘Pachacútec’, gründete diese Stadt, die er Qus qu nannte. Könnt ihr erraten, was Qus qu bedeutet?» fragt uns Maria. Selbstverständlich ist uns klar, dass damit Cusco gemeint ist, aber mit unseren Spekulationen über die Bedeutung liegen wir weit daneben. «Nabel der Welt» löst sie das Rätsel, «die Inkas setzten ihre Sprache, die Urform des noch heute von uns gesprochenen Quechua, als obligatorische Amtssprache durch. Deshalb wird auf dem gesamten Andenhochland auch heute noch von der indigenen Bevölkerung Quechua gesprochen. Zum Beispiel spricht oder versteht meine Mutter kein Wort Spanisch, sie kommuniziert nur in Quechua und kann sich somit nur mit unserer Volksgruppe unterhalten.»

Wir erreichen den Sonnentempel Coricancha, der heiligste Ort und gleichzeitig das geistige Zentrum der Inka. Auf die Frage, wie denn dieses riesige Reich regiert werden konnte, erklärt Maria: «Leider weiss man sehr wenig über ihre Lebensweise, ihre Staatsform oder ihre Religion, denn die Inkas verfügten über keine Hieroglyphenschrift, wie zu Beispiel die Mayas, die gleichzeitig weiter nördlich in Zentralamerika lebten.»  

Aber dass sie hervorragende Steinhauer waren, ist unbestritten. «Seht mal hier», sie deutet auf die Grundmauer des Tempels, «Tonnen schwere Steinblöcke meisselten sie so passgenau, dass sie zu fugenlosen Mauern gestapelt werden konnten, die bisher alle Erdbeben schadlos überstanden, während viele Bauten der Kolonialisten zusammenstürzten». Tatsächlich ist die Passgenauigkeit der einzelnen Steinblöcke faszinierend und bestimmt einmalig auf dieser Welt. Leider wurden die meisten dieser architektonischen Wunderbauten 1534 von Francisco Pizarro abgerissen um auf ihren Grundmauern die Statussymbole der spanischen Eroberer zu bauen: Kathedralen, Kirchen, Regierungspaläste und Herrschaftshäuser. Ein anders Wunderwerk der Steinbearbeitung konnten wir vor ein par Tagen auf dem Weg nach Cusco in Saywite bestaunen. Auf der Oberfläche eines enorm grossen Felsbrockens wurde die Topographie einer ganzen Landschaft mit Bewässerungskanälen und über zweihundert Tier- und Pflanzenfiguren eingemeisselt. Das Interessante dabei ist, dass diese Landschaft mit ihren Terrassen, Tunnels, Bewässerungskanälen und Brunnen offensichtlich hydrodynamisch funktionieren. Auch dieser Stein ist nach wie vor ein Mysterium über dessen Zweck sich die Archäologen immer noch im Dunkeln bewegen.

«Maria, woher kamen eigentlich die Vor-Vorfahren der Inkas hierher nach Südamerika?»
«Ha, das ist eine lange Geschichte, habt ihr Zeit sie zu hören?» Tief Luft holend begann sie: «Sie kamen etwa auf der gleichen Route hierher, wie ihr mit eurem Wohnmobil. Was ihr jedoch in anderthalb Jahren gemacht habt, dauerte für die ersten Einwanderer an die zehntausend Jahre», lachte sie und fuhr weiter: «Vor 30’000 Jahren war es sehr, sehr kalt auf unserer Erde, grosse Gebiete lagen unter kilometerdicken Eisschichten und die Meere waren über weite Strecken eisbedeckt. Riesige Gletscher zogen sich über die ganze Nordpolkappe und verbanden den asiatischen mit dem amerikanischen Kontinent. Über diese Eiskappe betraten die ersten Menschen den amerikanischen Kontinent und wanderten langsam südwärts und begannen, das heutige Nord- und Südamerika zu besiedeln. Die ältesten Funde menschlicher Zivilisationen im Andenhochland belegen, dass vor etwa 20’000 Jahren die ersten Einwanderer als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen umherzogen. Erste Höhlenmalereien mit Darstellungen von Jagdszenen wurden vor etwa 10’000 Jahren mit naturfarben, Kreide und Kohlestücke auf ihre Höhlenwände gezeichnet. Erst vor relativ kurzer Zeit, nämlich vor etwa 4000 Jahren, organisierten sich die Nomaden zu sesshaften Völker, die begannen, Kürbisse, Mais und Bohnen anzubauen. Saisonale Ernten riefen sodann nach Behältnissen aus Keramik, die Sesshaftigkeit nach etwas mehr Komfort. So entwickelten sich regionale Kulturen mit unterschiedlichen Religionen, Kunst- und Gebrauchsgegenständen. Kriegerische, sowie friedfertige Gruppen wuchsen zu grösseren Reichen zusammen, in dessen Zentren an die 100’000 Leute lebten. Neueste Studien gehen davon aus, dass in der präkolumbischen Zeit die Urbevölkerung der beiden Kontinente Nord- und Südamerika an die 60 Millionen Menschen zählte. Könnt ihr euch das vorstellen?» fragte uns Maria.

Krankheitserreger der Kolonisten hatten leichte Beute

«Auch dazumal herrschte das Recht des Stärkeren und die menschliche Gier nach noch mehr, nach noch grösser werden, noch näher am Himmel zu sein. Dies war auch dazumal die Triebfeder der Mächtigen, noch mächtiger zu werden. Nicht mehr die Jagd nach Nahrung war Motivation der Waffenherstellung, sondern Kriege. Grosse wurden grösser, Schwache und Friedfertige verschwanden von der Bühne. Noch heute ist es genauso – nicht? Besonders erfolgreich war die Volksgruppe der Inkas, die sich vor etwa tausend Jahren ausbreiteten und mehr oder weniger das ganze Hochland der Anden unter ihren Einfluss brachten. Mit Bestimmtheit war es das mächtigste Reich, das jemals in Südamerika herrschte, ein Land, das das heutige Ecuador, Peru, Bolivien sowie grosse Teile von Chile und Argentinien einschloss. Dieses Imperium wählte sich strategisch günstig im wasserreichen und fruchtbaren Tal um Cusco ihre Hauptstadt, wo sie ihre Paläste bauten und von wo aus Beamte damit begannen, das zivile Leben des Inkareich zu organisieren. Ihre Ingenieure bauten Überlandstrassen und Offiziere stellten durch Zwangsrekrutierung eine riesige Armee zusammen.»
Noch lange hätten wir Maria zuhören können, doch wurde es langsam Zeit für sie, wieder hinauf in ihre Wohnsiedlung zu gehen. Nach der warmen Verabschiedung von ihr lassen wir diese vielen Informationen mit einem Pisco sour nachwirken. Im Inkaschritt machen wir uns alsbald auf den Heimweg, hinauf zum Camping wo unser Auto steht. Cusco von oben sieht immens aus. Wo vor vierzig Jahren noch grüne Hügel zu sehen waren, stehen heute Wohnbaracken – ohne Strom und Wasser. Dort oben wohnt Maria bei ihrer Familie.

Die Stadt ist bereits aufgewacht, wir zwängen uns durch die engen Gassen Cuscos zur Hauptstrasse in Richtung Süden. Der Verkehr ist dicht, die Strassen eng, die Fahrer ungeduldig, die Fahrdisziplin beängstigend und jeder gestaltet seinen Weg zeitoptimal. Wir schwenken mittendrin mit und singen: «Noch föra noch henderä, noch rächts noch lenks, noch ufä noch abä noch rächts nöch lenks», bremsen, beschleunigen, fahren in verkehrter Richtung in Einbahnstrassen, zweigen bei Abzweige Verbot ab und alles klappt mit südamerikanischem Charme.

Regenbogenberge

Dann, auf dem Weg nach Arequipa, machen wir noch einen Abstecher zu den Regenbogenbergen. Dazu fahren wir am Abend zum Ausgangspunkt der Bergbesteigung auf 4600 Meter. Wieder ist es eine bitterkalte Nacht mit Gefriertemperauren und wir schlafen nicht besonders gut. Deshalb ist es fast eine Erlösung um vier aufzustehen um den Berg zu besteigen. Auf knapp 5000 Meter laufen uns dann die Augen über, so etwas haben wir noch nie gesehen. Überwältigend sitzen wir vor dem Regenbogenberg, bis uns das Geschrei der ersten Tagesausflügler von Cusco aus den Träumen wecken. Wieder ein Wunder der Natur, eines mehr auf dieser sonst schon ausnehmend schönen Gegend.