Daniel sitzt auf der knorrigen Bank, vor der Baracke, neben dem fahlen Schild mit dem Fast Food Angebot. ‘24 horas caldo’ steht ganz oben, ‘Retaurant Chaquaya’ mittig darunter, wobei das ‘s’ im Wort Retaurant fehlt. Weiter unten Fotos der Menüs, ‘Pollo assado’ durchstrichen. Daniel ist betrunken. Seine roten Augen stehen im Kontrast zu den pechschwarzen, aalglatt nach hinten gekämmten Haaren, die entweder mit Haaröl gefestigt oder von den Dämpfen der Fritteuse verklebt sind. Seine Augen erinnern mich an die rotäugige Mutante der Drosophila, mit der ich mal an der ETH experimentiert hatte – Genetik 1 wahrscheinlich. Daniel ist ein grosszügiger, gar gutmütiger Betrunkener, der mir überschwänglich eine Zigarette und etwas Hartes zu trinken anbietet. Meine dankende Ablehnung nimmt er erst nach mehreren Anläufen an, zuerst verständnislos, jedoch schlussendlich akzeptierend. Ob wir hier auf dem Parkplatz übernachten dürfen, fragte ich ihn. ‘Claro amigo, ningun problema’ er sei die ganze Nacht hier und warte auf Kunden, er sei der Koch des Restaurants, aber besser solle ich noch seine Chefin fragen. ‘Claro amigo’, sagte die Chefin, wenn wir bei ihr essen würden, dann können wir auch die Toilette die ganze Nacht gebrauchen. Ob das ein gute Omen ist, frage ich mich, während ich den DaBa mit leichter Neigung an den Rand des Parkplatzes, etwas abseits der Hauptstrasse parkiere. Es ist spät, die letzten Minuten fuhren wir bereits in der Dunkelheit und wir sind hungrig und müde von der kurvenreichen Fahrt. Der abrupte Höhenwechsel tut noch das seinige hinzu, leichte Kopfschmerzen machen uns zu schaffen. Wir sitzen in der kalten Baracke am langen Tisch mit der getupften Plastiktischdecke. Moni wartet auf ihre Suppe und den Salat, ich auf das Lomo saltado mit Papas fritas. Ob Daniel die richtigen Gewürze findet? Bei einem kühlen Bier, und Warten auf das Essen, schweifen unsere Gedanken zurück auf die letzten Tage.

Nach Lima folgten wir zügig der Panamerika, die sich wie eine lange schwarze Schlange südwärts durch die Wüste, entlang der Pazifikküste windet. Anfänglich fuhren wir sehr angespannt und nahmen jedes kleinste Geräusch des Autos auf und fragten uns unentwegt, ob der operative Eingriff in die Motorsteuerung und die Entnahme des Dieselpartikelfilters keine Langzeitfolgen haben. Doch neben des stärkeren Abgasgestankes erschien alles normal zu sein und wir konnten uns allmählich mit allen Sinnen der Umgebung widmen, die trotz der Eintönigkeit ein paar Aufwartungen hatte. In den Sandverwehungen waren viele arme Wohnsiedlungen und unzählige Hühnerfarmen auszumachen. Alle paar dutzend Kilometer standen überdimensionale Plastikhallen in Reih und Glied im Wüstensand, in denen bestimmt Millionen von Hühnchen ihr trostloses Dasein fristen. Zwischen diesen Farmen standen silberne Futtersilos die wie startende Raumschiffe in den Sonnenhimmel stachen. Viele der entgegenkommenden Lastwagen waren vollbeladen mit diesen erbärmlichen Hühnchen, um sie billig auf irgendeinem Markt in Peru zu verschachern. Längst sind die Spezialitäten Ceviche, Meerschweinchen, Fisch und Meeresfrüchte von den immer billiger werdenden Poulet Menüs verdrängt worden.

An Pisco vorbei führte uns die Schlange zur grossen Oase Huacachina, die von hohen Sanddünen eingekesselt ist. Der Ort wimmelte nur so von abenteuerliebenden Rucksacktouristen auf der Suche nach dem ultimativen Adrenalinkick. Mit 4×4 Sand Buggys rasten sie die hundert Meter hohen Dünen hinauf und auf Snowboards runter bis zur Bar, wo nicht heisser Glühwein serviert wird, sondern eiskalter Pisco Sour. Wir verbrachten die Nacht etwas abseits vom Rummel am Abhang einer Düne, die wir am anderen Morgen erkundeten. Doch bereits um neun Uhr war der Sand dermassen heiss, dass unsere Fusssohlen zu glühen begannen und wir schleunigst zurück zum Auto rannten.

Weiter südlich durchkreuzten wir die berühmten Scharrbilder von Nazca. Auf einer Fläche von 450 Quadratkilometer bilden schnurgerade Linien kilometerlange geometrische Formen, Tierfiguren und pflanzliche Muster, die wegen ihrer gigantischen Grösse nur vom Flugzeug aus zu erkennen sind. Noch immer können sich die Wissenschaftler auf keine schlüssige Erklärung einigen, weshalb Spekulationen noch immer Tor und Tür geöffnet sind. So interpretierte Erich von Däniken die Zeichnungen als Teile einer Landebahn für ausserirdische Wesen. Ich hingegen sah in den Linien eher überdimensionale Schnittmuster einer vorchristlichen Haute Couture oder als Alternativhypothese den Kabelplan eines postmodernen Elektrischen Leistungsnetzes, was beides von der jungen dreiköpfigen Fachjury vor dem Kaffeehaus in Nazca bestätigt wurde.

Nicht viel zu interpretieren gab es etwa vier Stunden später und 4200 Meter höher beim Vicuñas Sanctuary, oben im Naturreservat von Pampas Galeras. Kurz nachdem wir uns auf dem Parkplatz eingenistet hatten, fragten uns Carin und Jose, die zwei Parkwächter, ob wir mit ihnen zum Kondorfelsen fahren wollten, um dort die Kondore zu zählen. Ohne lange Überlegung bekamen sie ein einstimmiges «ja klar» zu hören. Einen Hacken hatte die Einladung allerdings, denn Jose stand an diesem Tag nur sein Motorrad zur Verfügung. Wir einigten uns deshalb, dass wir Carin und Juanchi, ein baumlanger Reisender aus Uruguay, in unserem Auto mitnehmen und dem Motorrad folgen würden. Querfeldein durchschnitt Juan auf seinem Motorrad die Pampa und zog eine schnurgerade Linie zum Kondorfelsen. Unsere Spur hingegen glich eher einem Slalom, denn die vielen Steinbrocken zwangen uns zu einigen Umwegen und schaukelnden Manöver, die von den herumstreuenden Vicuñas verwundert beobachtet wurden.

Schon von weitem konnten wir sie in der Felswand sitzen sehen, in ihren Nestern auf kleinen Felsvorsprüngen oberhalb von weissen Kotspuren. Bis auf ein paar hundert Meter durften wir uns annähern, als uns Juan stoppte. «Näher heran sollten wir nicht, denn sonst würden sie sich gestört fühlen», rief er uns zu. Kaum hatten wir uns installiert, die Feldstecher und den Fotoapparat gezückt, fingen sich die Kondore an zu recken, entleerten ihre Därme um ihr Fluggewicht zu reduzieren. Was für ein Anblick! Im Licht des Sonnenuntergangs hoben sich sechzehn Kondore vom Felsen ab, falteten ihre fast zwei Meter langen Flügel aus und kreisten im letzten Aufwind der Felswand um an Höhe zu gewinnen. «Diese hier haben bestimmt an die zwölf Kilogramm Körpergewicht» belehrte uns Juan, «und sie können sich trotzdem bis über 8000 Meter hinauftragen lassen. Ich schwieg; dachte lediglich an meine Flugmanöver mit dem Gleitschirm, und staunte. Mein aufgekommener Neid schluckte ich hinunter und sagte mir, dass Kondore mit Flügeln geboren werden und sie sich nicht unter Flügel festbinden müssen, wie die Gleitschirmflieger. Nicht zu Unrecht wird der Kondor ‘König der Anden’ genannt. «Wusstest du, dass Kondore über hundert Jahre alt werden können?» unterbrach Carin meine Gedanken. «Nein, wusste ich nicht.

Die Chefin bringt Moni persönlich das bestellte Nachtessen. Buen provecho! Die Suppe dampft verführerisch aus der Tasse, aber der Salat sieht so richtig schön welk aus, wie die vegetarische Variante der schrecklichen Fracht der Lastwagen auf dem Weg nach Lima. Daniel bringt mein Gericht: Das Lomo saltado balanciert auf dem Tellerrand, die Papas fritas glänzen wie Daniels Haare.