Wir nähern uns auf der staubigen Strasse dem Stadtrand von El Alto. Starke Seitenwinde schieben Sandwolken mit sich, die auf dem 4200 Meter hohen Andenplateau ungebremst auf unser Auto treffen und uns die Sicht zunehmend erschweren. Eigentlich ist es nicht mehr weit bis zur Kante wo das karge Hochplateau abbricht und steil hinunter in den verzweigten Talkessel von La Paz fällt. Doch es geht nur langsam voran, diese letzten Kilometer zu unserem Ziel in La Paz führen durch ausgedehnte Elendssiedlungen von El Alto. Seit über 30 Jahren ist El Alto eine eigenständige Stadt und seit kurzem ist sie sogar zu einer Millionenstadt gewachsen. Sie ist zu einem Zufluchtsort landflüchtiger Indigener geworden, welche von Hoffnung getrieben die höher gelegenen Dörfer verliessen um in Nähe der Grossstadt das Glück zu finden.

Selbstjustiz im Pulverfass El Alto

Die Durchfahrt auf der staubigen Strasse bietet kein schöner Anblick, kein einladendes Gesicht zeigt sich. Hinter den Staubfahnen stehen Baracken, zwei-, dreistöckige Häuser mit vielen Kleingeschäften und Reparaturwerkstäten. Der Verkehr staut, es herrscht ein unübersichtliches Gedränge auf der Strasse. Fuhrwerke und motorisierte Fahrzeuge aller Art und von allen Richtungen kommend streiten sich gegenseitig um den kürzesten Weg. Alles ist verdeckt in einem braunen Schleier: Die Strasse, die Häuser, die Bracken, die Menschen. Hier wohnt niemand freiwillig, der Traum nach einem glücklichen Leben endet für die meisten Zuwanderer in einem Alptraum von Armut und Kleinkriminalität. An einigen Strassenlaternen sehen wir lebensgrosse Menschenpuppen mit einem Strick um den Hals hängen. Ein Zeichen dafür, dass hier keine ordentliche Polizei zum Rechten schaut, sondern Selbstjustiz herrscht. Der Stärkere erkämpft sich sein empfundenes Recht mit Gewalt. El Alto ist ein Pulverfass.

An der Kante des Hochlandes führt uns die Autobahn in einem grossen Bogen abwärts in den Schlund der Hauptstadt. Wir sind in der Zweimillionen Metropole La Paz, die nicht die Hauptstadt Boliviens aber die Stadt mit dem Regierungssitz ist. Wie ein Geschwür drängt sie sich in die steilen Talwände des stinkigen Rio Chokeyapu. Von weitem sieht die Senke wie eine mit Mosaikfliesen ausgelegte Pfanne aus, die durch Überhitze in tausend Falten schrumpfte. Unübersehbar ist die Korrelation zwischen Höhe über Meer und sozialem Status der Bewohner: Je tiefer die Lage, desto schönere Häuser sind auszumachen und desto wohlhabender erscheint das Strassenbild. Hier lässt es sich besser leben, das Klima ist milder, weniger Wind und vor allem ist der Sauerstoff in der Atmosphäre höher. In Zentrumsnähe vereinigen sich die grosszügigen Autobahnspuren auf eine enge Schneise, die sich zwischen den Häuserzeilen hindurchzwängt. Wieder nimmt die Hupe in diesem dichten Verkehr an Bedeutung zu. Der Knopf in der Mitte des Lenktrades wird zu einem unabdingbaren Kommunikationsmittel, er scheint eine moderne Morsetaste zu sein. Von allen Seiten drängen sich die Fahrzeuge auf engstem Raum durch die Gassen. Die alten Fahrzeuge hinterlassen dunkle Rauchwolken wie schnaubende Drachen. Zum Hotel Oberland, mit dem sicheren Parkplatz für Overlander, führt der Weg mitten durchs Stadtzentrum. Es ist Montagmittag, wir haben keinen Sonntagsbonus mit wenig Verkehr, wie wir es glücklicherweise in vielen anderen Städten hatten.

Druckverlust hinten rechts

Dann passierts: Hundert Meter vor einem engen Kreisel erscheint auf DaBas Display die Meldung ‘Druckverlust hinten rechts’, ein Tastendruck weiter erscheint ‘30 bar’ anstelle des üblichen Pneu Drucks von 65 bar. Glücklicherweise sieht Moni gleich gegenüber des Kreisels eine Toyota Garage, die wir nach zweimaliger Kreisel-Umkreisung anfahren. ‘25 bar’. Wir fahren die Auffahrt hinauf, umrunden noch die Garage bis wir erleichtert eine freie Reparaturnische finden, während der Pneu hinten rechts bereits zu wursteln beginnt. ‘15 bar’ Glücklicherweise treffen wir immer wieder auf sagenhaft hilfreiche Leute. Ohne grosse Diskussion wird uns schnell der Pneu repariert, inzwischen der Dritte Plattfuss auf unserer Reise. Zum Bezahlen der Reparatur dauert es dann etwas länger, weil gerade der Computer in Panne war.

Zu unserer Überraschung steht auf dem Parkplatz des Hotels Oberland der vollbepackte Defender von Alex und Ansger aus Norddeutschland, die inzwischen bereits zu alten Freunden mutierten. Die Alex ist eigentlich eine Alexandra, die so schnell spricht, dass ihr Name nur noch als Alex herauskommt. Sie spricht nicht nur unsagbar schnell, sie denkt auch ebenso schnell. Oft überholen sich die im Hirn angedachten Worte im Mund, die dann in geänderter Reihenfolge an meinem Trommelfell ankommen. In der Folge muss ich dann immer wieder nachhacken: Was hast du gemeint, was wolltest du sagen? Anders ist der Ansger, ihr Mann. Bedächtig, zweimal durchdacht betont er jeden Buchstaben seiner Sätze und spricht ein Deutsch, das sogar Schweizer ohne zusätzliche Sprachausbildung verstehen. Während dem gemeinsamen Nachtessen und einer guten Flasche Rotwein erzählen wir uns die Abenteuer seit unserer letzten Begegnung. Nüchterne Beobachter hätte leicht erraten, dass die geteilten Abenteuer negativ mit dem Flascheninhalt korreliert sind. Je tiefer der Flüssigkeitsstand, desto höher die bestandenen Abenteuer! Am selben Abend entscheiden wir uns spontan für eine gemeinsame Weiterreise. Sie werden uns durch die Altstadt führen, dann werden wir zusammen nach Rurrenabaque im Amazonasbecken fliegen um dort eine organisierte Dschungeltour zu unternehmen und später werden wir gemeinsam die ebenso legendäre wie abenteuerliche Lagunenroute befahren: Eine abgelegene Piste ohne jeglichen Service durch die Wüsten des Altiplano entlang der Grenze zu Chile. Soweit der Plan.

Der Stadtrundgang beginnt bunt. Wir schweben mit der grünen Luftseilbahn bis Del Liberator, wechseln auf die gelbe und Schwups sind wir im Stadtzentrum. Rote, braune, orange, lila und braune Gondeln, jede Farbe entspricht einer Seilbahn-Linie, schweben über den Dächern der Stadt und verbinden Aussenquartiere mit dem Stadtzentrum. Das weltweit grösste Stadtnetz von Seilbahnen, erbaut von einer österreichischen Firmengruppe, mit einer Tochter in Olten, die die Gondeln baut. Logischerweise kommen die Drahtseile aus Romanshorn, von der Firma Fatzer. Ein bisschen Nationalstolz schwebt dann schon auch mit, wenn wir von einem Stadtteil zum anderen pendeln.

In La Paz ticken die Uhren anders

Nicht der Zeit vorausgehend scheint das prächtige Kongressgebäude zu sein, denn die Uhr an der Fassade läuft gegen den Uhrzeigersinn. Auf den ersten Blick fällt es gar nicht auf, doch die Eins steht links, statt wie gewohnt rechts von der Ziffer Zwölf. Ansger erklärt uns, dass die Regierung diese ungewöhnliche Zeitmessung im Juni 2014 installierte als Zeichen des Aufbruchs in ein neues Zeitalter, weg vom Kolonialismus. Klar kann man auch argumentieren, dass auch die Sonne der südlichen Halbkugel von links nach rechts über den Himmel wandert. 

13. Januar 2019