Der Wood Buffalo, oder Waldbison auf Deutsch, ist das grösste Säugetier in Nordamerika. Gemächlich, ein bisschen königlich, gemütlich oder schon fast stoisch erscheint er uns Beobachter mit dem dick behaarten Vorderteil, dem wuchtigen Kopf mit zwei dicken Hörner in tiefer Haltung, dem riesigen Buckel der nach hinten zu einem haarlosen, recht schlanken Arsch steil abfällt und mit einem schlanken Schwanz endet. Man warnte uns öfters, ihm mit Respekt zu begegnen und sich ihm nicht zu nähern, denn was so sanft aussehe könne sehr aggressiv sein, besonders jetzt in der Brunstzeit. Die Bullen hätten sich von ihren Herden gelöst und seien nun solitär auf Brautsuche. In der Tat begegnen uns öfters massige Bullen, denen wir ein leichtes Hindernis wären in Anbetracht der bis zu 1000 kg Masse und einer Maximalgeschwindigkeit von 55 Km/h. Auch Usain Bolt hätte da selbst in seinen schnellsten Zeiten langsam ausgesehen. Zum Glück waren alles friedliche Begegnungen im Wood Buffalo National Park, der mit über 45’000 Km2 grösser als die Schweiz ist und weltweit die zahlenmässig grössten wilden Büffelherden mit über 5000 Tieren beheimatet. Hier im Park leben sie zusammen mit ihren Fressfeinen, den Wölfen und mit anderen grossen Säugern, wie den Schwarzbären, Elche, Rentiere, oder Hirsche. Nicht zu vergessen die Milliarden von Moskitos, schwarzen Fliegen, Bremen und alles andere was uns in die Ohren, Nasenlöcher und Halsausschnitt fliegt und sticht.

Unser Lager stellen wir beim Pine Lake auf, unmittelbar am Sandstrand mit dem einladenden Picknicktisch im See, der uns als Yoga-, Abwasch- und Liegeplatz dient. Wir sind alleine hier auf dem Parkcampground, nur zwischendurch sehen wir Tagesausflügler die sich kurz am See umschauen. Obwohl die Schulferien noch eine Woche dauern, sind nur noch wenige Touristen unterwegs.

Wanderungen durch den endlosen Wald mit Espen, Birken und Fichten sind einmalige Erlebnisse. Die dünne Humusschicht auf dem Kalk- und Gipsgestein gibt den Bäumen nur beschränkten Halt, so stehen sie oft wie Betrunkene aneinander gelehnt in einem sehr labilen Gleichgewicht und jeder hofft, dass der andere noch nüchterner und deshalb stabiler sei. Zusätzlich wird ihr sonst schon wackeliges Leben durch Sinklöcher und einbrechende unterirdische Flüsse erschwert. Nicht vergessen werden wir die eindrückliche Mondlandschaft am Grosbeak Lake. Es ist eine Salzebene, mit spärlicher salztoleranter Vegetation, gespickt mit sonderlich aussehnenden Granitblöcken. Bei diesen handelt es sich um salzgeätzte und frostgesprengte Findlinge, die der schmelzenden Gletscher vor Jahrtausenden hier zurückliess.

Der Wecker läutet um 2 Uhr morgens, ein Blick nach aussen zeigt einen hellen, sternenklaren Himmel. Nichts wie raus zum See, zum ersten Mal eintauchen in das Spektakel des Polarlichts. Grüne, gelbliche Geister tanzen im Himmel und lassen ihn erglühen, die Farbschleier fransen aus, kontrahieren sich zu dichten Muster und lösen sich wieder auf. Rote und blaue Töne kommen dazu, ein Tanzspektakel der Geister ist es, das sich bis zum Horizont ausdehnt und im See spiegelt. Ihre Bühne ist der Nachhimmel in allen Dimensionen und die Tänzer sind die Geister von verstorbenen Menschen und Tieren. Schön haben sie es da oben, ihre Erscheinung ist himmlisch. So sehr ich Naturwissenschaftler bin, diese Erklärung gefällt mir besser als die trockene Theorie dahinter, dass es sich bei diesem Phänomen um die Abstrahlung von ionisierten Stickstoff- und Sauerstoffatomen ist, wenn die geladenen Teilchen des Sonnenplasmas die Elektronen von der einen zur anderen Schale hüpfen lassen.

Nun könnte man meinen, alles sei gut im Wood Buffalo Nationalpark: Ist es auch; Geschützte Wälder und Graslandschaften, Salzebenen die vor über 300 Millionen Jahren vom Meer zurückgeblieben sind und 1983 zum UNESCO Weltnaturerbe erkoren wurden, Waldbisons vor dem Aussterben gerettet und in andere Nationalparks übersiedelt und noch mehr Gutes. Doch ein Nachgeschmack bleibt. Bei der Gründung anno 1922 wurden alle Bewohner, und das waren vor allem Siedler der Métis Ethnie, aus dieser Region vertrieben und verjagt, ohne ihnen je eine Kompensation zuzugestehen. Noch heute besteht ein stiller Protest gegen die Regierung, doch irgendwie fallen die Métis immer noch zwischen Stuhl und Bank, weil sie nicht urtümlich Indigene aber auch nicht zugezogenen Europäer sind. Sie sind die Nachfahren der im 18. Jahrhundert nach Nordamerika eingewanderter Europäer, die sich mit indianischen Frauen verehelichten, weder Fisch noch Vogel?

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