Der Begich Tower ist ein 14-stöckiges Gebäude, das 80% der gesamten Stadtbevölkerung beherbergt und unter demselben Dach die Stadtverwaltung, das Museum, ein Schwimmbad, die Kirche ein kleines Spital, die Bank und viele andere Geschäfte einschliesst. Praktisch, nicht? Nach dem Einkauf im EG schnell rauf zur Post in den 1. Stock um Geld abzuheben, dann am Spital im 2. vorbei, den Polizeiposten auf der anderen Korridorseite nicht beachtend, in den Waschsalon die Wäsche abholen und danach hinauf in den 12. nach Hause, oder noch schnell im 14. im Hotel die neue Zeitung lesen gehen – alles in Finken und Pyjama, selbst bei Aussentemperaturen von -40°. Die Bevölkerung lebt sozusagen in ihrer Infrastruktur! Für die Touristen gibt es noch zusätzliche Häuser, die jedoch nur im Sommer betrieben sind.

Gibt's das?

Eine Stadt am Meer, die per Auto nur durch einen engen, 4 Km langen, Eisenbahntunnel erreichbar ist und zwar nur tagsüber und auch dann nur, wenn kein Zug fährt.

Gibt's das?
Zweimal ja und es ist dieselbe Stadt: Whittier!

Wir warten im DaBa am westlichen Portal des Eisenbahntunnels, um nach Whittier zu fahren, als der lange Zug, gezogen von zwei Diesellokomotiven, aus dem Tunnel kriecht. Eigentlich wären wir jetzt an der Reihe, doch das Signal bleibt noch eine halbe Stunde auf Rot. Zuerst müssen die grossen Jetturbinen des Tunnels die Dieselabgase der Lokomotiven hinausbefördern, die blauweiss aus der Öffnung quellen, wie aus einem horizontalen Kaminschlund. Schliesslich wechselt das Signal auf Grün und seitlich versetzt zu einer Schiene fahren wir auf dem Geleise durch die Dunkelheit, sozusagen eine Schiene zwischen den Beinen. Wir freuen uns, als sich der anwachsende helle Punkt vor uns als Tageslicht und nicht als entgegenkommender Zug entpuppt und wir nach etwa 10 Min den Berg verlassen können.

Nach einer affenkalten Nacht am Ufer des Meeres, wachen wir anderntags auf und können es kaum fassen: Unglaublich schönes, wolkenloses, überhaupt nicht vorhergesagtes Wetter bahnt sich an, sternenklar aber beissend kalt. Der richtige Tag für unser Unternehmen! Dick angezogen besteigen wir am Mittag die vorgebuchte Klondike Express für eine Minikreuzfahrt in verschiedene Fjorde und Buchten, hinein in den Prince William Sound. Zusammen mit vielen Chinesen, Honkongnesen und Taiwanesen nisten wir uns auf Deck ein und müssen dabei aufpassen, nicht von den Handysticks der asiatischen Touristen erstochen zu werden, während sie sich für ihre Selfies eine Poolposition an der Reling erkämpfen. Erstaunlich lange halten sie es in der Kälte aus, allerdings müssen sie immer mehr Lippenrot auftragen, damit die blauen Lippen ihre Portraits nicht verschandeln. Wir widmen uns der Umgebung. Die weisse Bergkulisse, die von Gletscher umarmten Gipfel und die zahlreichen Gezeitengletscher, deren eisblauen Abbrüche sich im Wasser spiegeln, lassen uns die Kälte vergessen. Das Schiff bringt uns teilweise so nahe an die kalbernden Gletscherabbrüche, dass wir sie buchstäblich atmen hören. Mit grossem Krachen löst sich hie und da ein massiver Eisturm, der in einer grossen Wasserfontäne ins Meer stürzt. Einige Seeotter lassen sich ganz in der Nähe des Schiffes blicken, die gemütlich, wie es scheint, auf dem Rücken liegend ebenfalls das schöne Wetter geniessen. Nach dem wunderbaren Ausflug übernachten wir nochmals am Meer um anderntags einen Ausflug in die nahen Berge zu machen. Doch aus dem wird nichts, das kalte, nach Schnee und Eis riechende Wetter hat sich nach dem gestrigen Tag wieder zurückgemeldet.

Wir wussten zu diesem Zeitpunkt, dass unser ursprünglicher Plan, von hier aus mit der Fähre in den Süden abzuhauen, nicht realisierbar ist, weil die Fähre Whittier – Valdez – Haines – Juneau im Winter nicht verkehrt. Deshalb durchquerten wir so schnell wie möglich den Berg wieder durch denselben Tunnel, um auf verkehrsreichere Strassen zu gelangen, bevor der Schnee uns endgültig eindeckt. Das war ein guter Entscheid, denn danach sahen wir mehr schneebedeckte Strassen als Asphalt, und wir schalteten den Vierradantrieb kaum mehr aus. Die nächste Challenge erwartet uns, das Thermometer sinkt zeitweise auf -15°.

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