Frierend und klatschnass sitzen wir auf der überhöhten Steinbank in der Küche auf den übereinandergeschichteten Lamm- und Ziegenfelle, die nichts mehr als etwas raue Bequemlichkeit vermitteln. Über unseren Köpfen ist ein Freiraum von etwa 20 Centimeter bis zur ungehobelten Holzdecke, die von allerlei Kleingetier besiedelt ist. Wir schauen Gloria beim Kochen zu. Sie hantiert mit einem langen Messer, schneidet Fleisch und Kräuter auf einem kleinen Holzbrett und schiebt die Pfannen an der offenen Feuerstelle dorthin, wo gerade das geeignete Feuer flammt. Hin und wieder rückt sie ihre braune Zipfelmütze zurecht und schnäuzt ihre tropfende Nase; ihr ist auch kalt. Unsere triefend nassen Bergschuhe lehnen an den heissen Steinofen, gleich neben den Stiefelsocken und den Stiefel von Don Xavier. Die Küche ist der einzige warme Ort in diesem armseligen Bauernhof, der sich Finca Argentina nennt, hier oben auf 3900 Meter. Zwanzig Kühe und Kälber, 5 Pferde und 3 Muli stehen im Stall, der nur durch einen wäschebehangenen Korridor von der Küche getrennt ist. Zwischen Küche und Stall liegt das Schlafzimmer von Gloria und Don Xavier, dem etwa 50-jährigen Ehepaar, und ihrem Sohn Diego. Diego ist etwa 18 Jahre alt und schläft im Bett der Mutter, das gleich an der Wand zur Küche steht. Gegenüber steht Xaviers Bett und dazwischen eingeklemmt ein Bett für ihren Gastsohn Stefano. Neben diesem Zimmer liegt eine Kammer mit zwei Betten. Heute Nacht ist es die Kammer von Enrique, denn er ist auf Besuch und arbeitet irgendetwas mit den Pferden. Passt das Geschirr an, richtet die Sättel und gibt Xavier Ratschläge zu deren Erziehung. Zwischendurch sehen wir ihn auch die Kühe melken. Daneben liegt ein liebevoll mit Pappmache verziertes Zimmer mit drei Kajütenbetten, in dem wir uns eingerichtet haben.

Eigentlich wollten wir mit unserem Bergführer Sebastian in einer dreitägigen Bergtour den 5200 Meter hohen Vulkan Tolima besteigen aber leider ist die Sache buchstäblich im Wasser ertrunken. Schon der sechsstündige Aufstieg vom feucht-warmen subtropischen Klima von Salento durch das Valle Cocora war durchzogen von Sonnenschein und Regenschauer. Trotzdem sahen wir zwischen den oft dichten Nebelschwaden die in Kolumbien heimischen Quindio-Wachspalmen, die nur noch hier in dieser Region zu sehen sind. Sie gilt als höchste Palmenart der Welt. Mit ihren schlanken, lediglich 40 Centimeter dicken und bis zu 60 Meter hohen Stämmen wachsen sie aus dem Wald hinaus und recken die Palmwedel der Sonne zu. Wie gebrechliche Gebilde stehen sie heute alleine da, weil der Wald gerodet wurde. Obwohl sie unter Naturschutz stehen, werden sie immer rarer, nicht zuletzt deswegen, weil die Palmwedel zur Osterzeit als Kirchenschmuck benötigt wird.

Die letzten Stunden Aufstieg durch den üppig grünen Nebelwald folgten mehr einem tief eingeschnittenen Bachbett als einem Bergweg, denn hier wird weniger gegangen als geritten, weshalb es auch keine begehbaren Brücken gibt. Die wackeligen Flussübergänge wurden zunehmend glitschiger und die Baumstämme boten kaum mehr Griff für unsere nassen Schuhe. In Anbetracht dieses schlechten Wetters, ohne Hoffnung auf Besserung, machte Sebastian kurz entschlossen einen Fahrplanwechsel und führte uns zur Finca Argentina um besseres Wetter abzuwarten. Zwei Tage warteten wir.

Nun sitzen wir also hier in der Küche und freuen uns auf das Nachtessen. Nach und nach kommen die Herren des Hauses durch die offene Tür und mit ihnen der Geruch von Stall und dampfenden Schweiss. Monika und ich drücken uns noch mehr an die Wand, neben mir Enrique, dann Sebastian. Enrique zieht seine nassen Stiefel aus und reckt die Füsse zur Ofenwand. Sein grosser Zeh des linken Fusses mit dem schwarz berandeten Nagel, der wie ein Sombrero schräg darauf sitzt, reckt sich aus seinem Socken und schielt mich neckisch an. Enriques Gesicht ist nicht zu erkennen, es liegt im Schatten seines breitkrempigen Hutes, von dem die vorher aufgehaltenen Regentropfen nun auf seine Schulter klatschen. Die Seitenbank vor dem Ofenloch ist für Xavier reserviert, es ist die Bank des Chefs. Dort sitzt er und schiebt mit seinem Fuss die Holzstücke in die Feuerstelle. Diego und Stefano klemmen sich an der Seite des Ofens auf die dreifüssigen Schemmel, beide die Mützen tief in die Stirne gezogen und versteckt hinter Gloria, die nun anrichtet. Es ist Essenszeit. Bei Kartoffel, Reis, Bohnen und Poulet wird rege darüber diskutiert, wer heute Abend den Fussballmatch gewinnen wird. Es spielen Kolumbien gegen die USA. Nach dem Essen verschwindet Xavier im Nebenzimmer und kommt kurz darauf mit einem kleinen Fernsehapparat zurück, den er auf das oberste Tablar in der Küche setzt und am Generator anschliesst. Das anfängliche Schneegestöber auf dem Bildschirm macht langsam Platz für den wellenförmig verzogenen Moderator just in dem Moment, als Enrique und Xavier an der Antenne rumhantieren. Ihre Bewegungen werden feiner und nach kurzer Zeit wird das Bild klarer und die spielkundigen Beobachter in der Küche konnten sogar die Gesichter mit den zugehörigen Namen erkennen. Das Spiel beginnt. Kolumbiens Torhüter hält fast alles heute Abend – «tu tranquillo!» hört man ihn oft schreien und sein Ruf wird in der Küche repetitiv aufgenommen. «Tu tranquillo» werden meine Kommentare postwendet kommentiert. Wir verfolgen das grossartige Spiel in einer Umgebung, die gut und gerne hundert Jahre zurückliegen könnte. Kolumbien siegt. Moni schaut zum ersten Mal in ihrem Leben zwei Halbzeiten eines Matches am Stück. Xavier läutet Nachtruhe ein, er will morgen früh runter nach Salento um einzukaufen – was mehrere Tage dauern kann, verrät uns Sebastian, denn es gibt sehr viele Restaurants im Städtchen. Je nach Wetter werden wir uns morgen früh entscheiden, ob wir weiter hinauf zum Ökosystem der Paramo oder schnurgerade ins Tal runter gehen. Wir putzen unsere Zähne draussen im Toilettenunterstand vor einem blinden Spiegel und gehen frierend zu unseren Kajüten am Ende des Ganges. «Tu tranquillo!» ruft mir Xavier nach. Das Trommeln der dicken Regentropfen auf dem Dach und das Singen des Windes an den Kanten des Wellblechdaches lässt uns nicht sogleich schlafen, es bleibt genügend Zeit um unsere Pläne des Gipfelsturmes im Wasser versinken zu sehen. Die Pferdedecken geben warm aber kuschelig ist es nicht. Erst unten in Salento sehen wir die Sonne wieder, sie spiegelte sich an den bunt bemalten Häuser. Wir sind nicht die einzigen, die sie hungrig aufsaugt.

11. Oktober 2019