Obwohl Vancouver buchstäblich in Chinesischer Hand ist, oder deswegen (?), gefällt sie uns sehr gut, eigentlich am besten von all denen, die wir auf unserer Reise besuchten. Mit den Bergen im Hinterland, dem internationalen Kulturangebot, den einladenden Ausgangsquartieren und dem Meer als Vorgarten, wirkt sie auf den ersten Blick einladend. Als Universitätsstadt hat Vancouver auch ein junges Erscheinungsbild mit viel Internationalität. Als Schattenseite erleben die Einwohner die hohen Lebenskosten, vor allem die immensen Wohnungsmieten. Dies führte, und führt weiterhin hinzu, dass infolge der Obdachlosigkeit viele Menschen auf der Strasse leben und sie gewisse Strassenzüge der Altstadt prägen. Drogen, Kriminalität und Prostitution finden in dieser Umgebung nährstoffreichen Boden. Wir trafen viele Leute an, die die Stadt verlassen mussten, weil ihre Renten oder die Löhne nicht zum Leben ausreichen. In Alberta oder Manitoba hingegen könnten sie mit dem gleichen Einkommen fast ein Luxusleben leisten.

Vancouver Island, mit der Fähre in einer Stunde von Vancouver leicht zu erreichen, bietet Sommer und Winter Abwechslung, sei es in der Natur oder in den kleinen Ortschaften mit viel Charme. Alte Regenwälder mit über 800 Jahre alten Douglas-Tannen stehen hier auf dieser lang gezogenen Insel. Bei einem Spaziergang sehen wir einen besonders grossen, fast 80 m hohen Baum, der schon über 300 Jahre alt gewesen war, als Christopher Columbus nach Nordamerika kam. Kaum vorzustellen, was uns diese Tanne alles erzählen könnte, wenn wir sie verstehen würden.

Victoria, die Hauptstadt der Insel, ist klimatisch noch günstiger gelegen als Vancouver und käme wegen den milden Winter auf Platz zwei unserer «Potentielle Wohnortsliste». Für die rüstige 80zig jährige Jennifer allerdings, ist und bleibt Victoria die Nummer eins, in deren Agglomeration sie etwas ausserhalb von Hektik und Verkehr wohnt. Sie kam vor über 50 Jahren hierher, mit ihrem ersten Mann, der kurz nach seiner Pensionierung starb, aber ihr ein schönes Vermögen hinterliess. Ihr jetziger Ehemann leidet leider unter vorgeschrittener Alzheimer-Erkrankung und wohnt jetzt in einem Pflegeheim oben in Sydney, etwa 20 Km von ihrem Zuhause. Sie besucht ihn zweimal wöchentlich und ist überaus Stolz, dass sie die Fahrt immer noch mit ihrem eigenen Auto schafft. Bald 60 Jahre fahre sie Auto und unfallfrei, das verstehe sich ja von selber, denn sie sei eine sehr gute Fahrerin. Ja gut, hier und dort mal eine Beule, fügt sie nach ein bisschen Nachdenken hinzu, und ja, da war doch kürzlich etwas: Ja, fast Totalschaden, die Versicherung wollte die Reparatur nicht bezahlen, da die Kosten den Zeitwert übersteigen. Also nahm sie das bisschen Geld des Zeitwertes und suchte eine billige Reparaturlösung.

Nach einigen Tagen Aufenthalt auf der Insel zieht es uns jedoch definitiv in den Süden, obwohl sich der Frühling zaghaft bemerkbar macht. Erste Blüten an den Bäumen am Strassenrand, hier und da ein warmer Sonnenstrahl und ab und zu ein offenes Strassenrestaurant versprechen viel, aber der Kampf mit dem Winter wird noch bis Ende April weitergehen – zu lange für uns.

Wir verschiffen nach den USA. Zu dieser Jahreszeit ist das Fährterminal der Black Bell Ferry Line noch nicht sehr geschäftig. Ohne anzustehen passieren wir die Kanadische Grenze und stehen vor dem Amerikanischen Zoll. Der Grenzwächter ist beeindruckt von unserm Reiseplan und das 6-monatiges Visum B-2 das in unserem Pass klebt. Dass unser Fahrzeug bereits seit einem Jahr in Kanada und den USA unterwegs ist, scheint niemand zu interessieren, sie winken uns durch, in den Bauch der Fähre. Eine gute Stunde – und wir sind in den USA, im Staat Washington.