Aus dem Flugzeug zeigt sich ebenso viel eisblaues Wasser wie herbstliches Rot der Tundra. Die Verteilung von Wasser und Land ist ausgeglichen, eisblaues Wasser, mäandernde Flüsse und herbstliches Rot der Tundra glänzen im schwachen Sonnenlicht und wir erkennen nicht, ob wir über Land mit viel Wasser oder über Meer mit vielen Inseln fliegen. Kurz vor dem Anflug sehen wir die bunten Häuser an die Küste geklebt, gebaut auf Stelzen im Permafrost. Tuktoyaktuk oder kurz Tuk, wie die Inuvit-Siedlung von den Einheimischen genannt wird, ist kein Ort zum Bleiben, das sieht man schon von weitem und sowieso nicht zu dieser Jahreszeit. Hierher kommt man nicht wegen einer Attraktion oder einem speziellen Touristen Highlight, zu abgelegen liegt die Siedlung, ganz oben am siebzigsten Breitengrad am Rande des unendlich weiten Mackenzie Deltas am Polarmeer, hunderte Kilometer jenseits des Polarkreises. Vielleicht ein paar ganz Verrückte kommen gezielt hierher wegen den vielen Pingos, diese erdüberzogenen Eisberge, die hier in besonderer Dichte auftreten. Sie ragen aus der Permafrost-Ebene wie Gugelhöpfe oder Eisbeulen, der grösste davon ist über 100 m hoch und von weitem zu sehen. Ansonsten gibt es hier nicht viel, ausser den paar bunten Häuser, zwei Einkaufsläden und einige Strassen als Verbindung zur Schotterpiste auf der ab und zu Kleinflugzeuge aus Inuvik landen. Noch heute sind die Einheimischen zum grösste Teil Selbstversorger, das wird uns klar, als wir die Preise von Nahrungsmittel im Einkaufsladen sahen. Da kostet ein Liter Milch gut dreimal so viel wie bei uns in der Schweiz, von den Gemüsepreisen gar nicht zu sprechen. Dies, obwohl der Staat insbesondere Früchte und Gemüse stark subventioniert. Laut Gesetz darf jede Inuit-Familie zwanzig Karibus und einen Beluga-Wal als Vorrat für den langen arktischen Winter fangen. Gelagert werden die Tiere in natürlichen unterirdischen Kühlräumen, welche gigantische Ausmasse haben. Eine Leiter führt ein paar Meter tief runter in den Permafrost, wo sich das Eishöhlen-Labyrinth auftut. So hat jede Familie sozusagen eine private Eisdiele. Leider konnten wir keinen solchen Kühlraum besichtigen, weil die Gemeinde sie neuerdings für Touristen geschlossen hält. Grund sei eine Schadenersatzklage von einem Touristen, der beim Abstieg von der Leiter gefallen sei. Nach Tuk sind wir geflogen, weil die neu gebaute Alljahresstrasse von Inuvik erst am 16. November dem Publikum zugänglich wird, und weil wir trotzdem unsere Zehen mal ins Polarmeer stecken wollten. Gemacht haben wir es dann trotzdem nicht, aber wir hätten es tun können, wenn es nicht so abweisend kalt ausgeschaut und etwas weniger Wellen gehabt hätte. Schön war es in Tuk trotz des kalten Nieselwetters und Temperaturen um die 10 Grad, das Smitty’s B&B war sympathisch und die beiden Männer, mit denen wir eine Wohnung teilten, ebenfalls. Nach drei Tagen hellte es auf und wir packten die Gelegenheit wieder zurück nach Inuvik zu fliegen, wo unser DaBa am Flugplatz auf uns wartete.

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