Strategisch gut gelegen liegt Orderville an der Hwy 89 zwischen Zion und Bryce Canyon National Park, wo sich alle Camper kreuzen, die von einem Park zum anderen fahren. Orderville, ein Strassendorf ohne Ortskern, mit einem Coiffeursalon, einem Antiquitätenshop, zwei Tankstellen und einer Bäckerei. 600 Einwohner. Das mit der Bäckerei war nicht immer so.

Vor gut vier Jahren zählte Herr Forster die Camper, diejenigen nach Norden zum Bryce Canyon und diejenigen nach Süden zum Zion. Es waren durchschnittlich 800’000 Camper in einer fünfmonatigen Saison, ein Drittel von Europäer gemietete Fahrzeuge und davon waren mindestens die Hälfte Deutsche und Schweizer. Herr Forster war dazumal gerade mal sechzig Jahre alt, eigentlich ein Alter um sich zurückzulehnen und auszuruhen. Doch sein Pioniergeist war noch immer wach, auch der Geschäftsmann schlummerte oberflächlich noch unter seiner Haut. Es kitzelte ihn in der Nase, ein Zeichen, dass sich mit den vielen Touristen Geld machen liesse. Also, stellte er sich die Frage, was könnte den Besuchern aus Deutschland und der Schweiz fehlen, was sie hier nicht kriegen?

BROT

Brot war die Anwort! Damit war das Grundgerüst seines Businessplans festgelegt: 888 Camper pro Tag, durchschnittlich zweieinhalb brotliebende Insassen, jeder zum Kafee einen ofenfrischen Buttergipfel und ein schönes Dinkel- oder sonst ein knuspriges Brot zum Mitnehmen. Selbst wenn nur jeder Dritte anhalten würde, dann wären es nach Adam Riese noch immer gut 740 Gipfel und knapp 300 Brote pro Tag, die er verkaufen könnte. Zusammen mit dem Kaffee liesse sich damit gut 7000 Dollar pro Tag oder pro Jahr über eine Million Umsatz generieren – und dies noch mit 7 Monaten Nichtstun einberechnet. Gesagt – getan, er investierte in eine Bäckerei in eleganter, naturkostwürdiger Architektur, solidem Fundament und mit nachhaltigem Material gebaut. Das lokale Holz generiert warmes Ambiente, die Glasvitrine kühle Hygiene und der Schauofen füllt den Raum mit dem typischen Aroma der nichtenzymatischen Bräunungsreaktion in der Krume, kurz, der Besucher wird von einer Symphonie von Sinneseindrücken empfangen, die zum Kauf anregt. Auch uns zog es in diese Bäckerei und auch wir unterlagen der Kauflust: Drei Brote (eines sofort am Zipfel angebissen, eines für den nächsten Tag und eines zum Einfrieren), drei Buttergipfel, ein Mandelhörnchen und eine Nussschnitte. Schweineteuer, aber, wie gesagt, das Kaufein- und Kaufmehrambiente – kennt ihr doch auch – oder man gönnt sich ja sonst nie was – ergriff uns vollends. Die Gipfeli und das Brot waren schlicht und ergreifend himmlisch, wie vom Beck Elmiger in Horw!

SAGENHAFT!

Dieses «Sagenhaft» kommt nicht so leichtzüngig und flüchtig von mir, sondern abgewogen, gewichtig und durchdacht, wie von einem Spezialisten, der ich ja in dieser Sache bin. Als Qualifikation kann ich anfügen: Aufgewachsen in einer Backstube, als Baby mit Vorteiglingen gespielt, im Vorschulalter den ofenheissen Broten mit der Wasserbürste den Verkaufsglanz mitgegeben, im Schulalter bis zur sechsten per Velo und danach mit dem Motorfahrrad Marke Monark (welch schöner Name, da hört man die Kraft des Motors noch – im Gegensatz zu E-Bike) die Brote ausgetragen, als Pubertätsritual Mehlwürmer gegessen, mit der ersten Freundin im Garraum geschmust…… Ihr seht, ich versteh was von Brot, lass mich nicht leicht an der Nase herumführen, wenn’s ums Bäckereigeschäft geht.

Also, der Herr Forscher, vor über 40 Jahren aus Deutschland ausgewandert, hager, gross, akkurat, liebt viele Worte und weiss flüssig zu erzählen, wie ein typischer Amerikaner eben: Von seiner Farm, die er verkaufen will, von seinem Sohn, der Photograph ist, und von den kargen Böden hier im Tal. Angesprochen auf die sagenhafte Qualität des Brotes erklärte er mir, dass die Kunst eines guten Brotes ganz in der Teigführung liege.

«Langsam muss dies geschehen, mit nicht zu viel Frischhefe und je nach Getreide mit der richtigen Temperatur. Auch der Mahlgrad und Proteingehalt des Mehles ist von eminenter Wichtigkeit für ein gutes Brot und das Erstbacken der Königsschritt im Prozess, denn damit werden die Krustenaromen gebildet» sagte er mir in seinem gebrochenem Deutsch. Weiter führte er an: «Backtemperatur, Dampfabgabe, Ofenbelegung sind die wichtigsten Backparameter. Die deutschen Bäcker wissen dies sehr genau, nicht ohnehin würden diese die besten Brote backen – nicht?» Er bemerkte gar nicht, dass ich in diesem letzten Punkt nicht mit ihm einverstanden war und von meinem Götti, dem besten Brotmacher aller Zeiten, erzählen wollte. Nein, er plapperte weiter (auch typisch Amerikanisch, zuerst sprechen, dann zuhören): «Und diese Brote, Gipfeli und Süssigkeiten hier, sind alle aus deutscher Bäckermeisterhand gefertigt». Uii, griff ich ein, «das muss ja sehr teuer sein, diese Deutschen Bäcker hier zu beschäftigen, es müssen ja mindestens zwei, drei Personen sein». «Not at all» kam aus ihm gesprungen, «ich habe praktisch keine Personalkosten, ich habe nur eine Hilfskraft im Laden, der Rest wird von mir und meiner Frau gemacht. Der grösste Kostenfaktor ist das Gefrierlager in Los Angeles».

Fragt ihr euch auch, wie das aufgeht? Ich jedenfalls stutze eine Weile, fand aber keine Antwort auf die Frage, weshalb er ein Gefrierlager in Los Angeles, das etwa 800 Km von Orderville entfernt ist, auf seiner Kostenliste hat. «Ich fahre mit meinem Truck einmal die Woche nach L.A., um die Ware aus dem Gefrierlager zu holen», führte er weiter aus, und so langsam lichtete sich der Schleier vor meinen Augen. Ich erfasste, dass sein Bisinessplan eben ein typisch Amerikanischer ist, der kein Kapitel über Nachhaltigkeit kennt, geschweige denn CO2 Fussabdruck.

! Im Schwarzwald gebacken !

Seine Ware wird in einer Bäckerei im Schwarzwald gebacken, unmittelbar danach schockgefroren und in einen Tiefkühlcontainer nach Hamburg verfrachtet. Dort wird dieser eingeschifft, über den Atlantik, durch den Panamakanal zum Pazifik und rauf nach Los Angeles geschifft, zusammen mit Tausenden von Containern. „Nur ein Container pro Monat geht auf meine Kosten“, entschuldigt er. meine Bedenken.

In seiner «Bäckerei» wird schlussendlich nur aufgetaut und im Elektroofen aufgebacken. Uns blieb das Gipfeli im Mund stecken, so gut es auch mundete.