Der Komfort des Campingplatzes in Escalante, eine Wäscherei, ein Bioladen und ein paar schöne Restaurants liessen uns aufleben, sogar übermutig werden. Die Wäsche war alle gewaschen, das Auto blitzeblank geputzt, alle Polster mit dem 12 Volt-Staubsauger entlang der Kettenlinie gekämmt, und alle losen Einbauteile fixiert. Es war der 1. Mai, Tag des neuen Abenteuers, ein Tagesausflug zum Peek-a-Boo, einem naheliegenden Slot Canyon. Als Wegbeschreibung hatten wir ein Merkblatt mit den wichtigsten Informationen:  «Auf dem Highway nach Osten, bis zur Abzweigung des Hole-in-the-Rock Trail, diesem bis Kilometer 42 folgen und dann abbiegen zum Dry Fork». Weiter das Kleingedruckte: «Der Hole-in-the-Rock Trail bis zur Abzweigung bei trockenem Wetter durchwegs befahrbar, weiter jedoch mit besonderer Vorsicht, Achsbrüche nicht selten. Ab Dry Fork sei der Weg nicht ausgeschildert aber man könne den Fussspuren folgen». Auch wird empfohlen, etwas Luft aus den Pneus zu lassen, damit die Räder nicht alle Vibrationen an die Federung und Stossdämpfer weitergeben. Eigentlich hätte uns diese Beschreibung von diesem Ausflug abhalten sollen – aber eben….

Nach 20 Km einigermassen befahrbarer Strasse wurde es unerträglich grob. Die Wellen wuchsen bis zu 10 cm Tiefe und Länge an, die Schlaglöcher wurden tiefer und zahlreicher. Wir kamen nur mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit voran. «Zu weit gegangen um umzukehren / Nur noch 20 Km, eventuell wird es besser / Noch diesen Hügelzug, dann entscheiden wir / Dort hinten sieht es sandiger aus». Hin und hergerissen ignorierten wir die Schläge soweit sie nicht zu umgehen waren – und siehe da, wir schafften es bis zur Abzweigung und zum Dry Fork. Nach kurzer Wanderung über trockenen roten Sand sahen wir die ersten Einschnitte im Boden, die das Wasser in jahrtausendlanger Arbeit aus dem Sandstein gefräst hatte. Einige dieser Schlitze weiteten sich zu einem Graben aus und wurden zu engen Schluchten, bevor sie schliesslich irgendwo in einem grösseren Flussbett endeten. Diesen Schluchten, Slot Canyons genannt, folgten wir. Wörtlich kann Slot Canyon mit Geldschlitz-Schlucht übersetzt werden, was die Sache sehr gut trifft – ein enger und tiefer Schlitz im Fels. Fasziniert von den farbenprächtigen Felswänden und verzaubert durch das Licht/Schattenspiel an den beängstigend eng aneinander lehnenden Felswänden liessen die Stunden wie im Flug vergehen. Das spärlicher werdende Licht des Spätnachmittags erinnert uns an den mühsamen Nachhauseweg. Ungern verlassen wir diese goldenen Geldschlitzschluchten Peek-a-Boo und Spooky Slot Canyon.

Slot Canyons und verzauberte Felsformationen begegneten uns auf der Weiterreise noch viele. Der wohl bekannteste, der Antelope Slot Canyon, der auf Navajo Land beim Lake Powel liegt, boykottierten wir jedoch. Keiner verdient den Namen Slot Canyon besser als dieser. Für eine Besichtigung verlangen die Navajos bis zu 80 Dollar, je nach Tageszeit. Mit leichtem Herzen verzichteten wir auf Schlange stehen und einen geführten Eintritt, wir waren einfach verwöhnt von unseren Erlebnissen weitab der Hauptstrassen.

das grosse Los

Ein solches Erlebnis war zum Beispiel die «Wave», ein versteinerter Regenbogen in den Vermillon Cliffs Wilderness. Seit eine Foto der «Wave» als Bildschirmschoner von Windows genutzt wird, gibt es einen Run in diese Gegend, die in der Folge nun einer strikten Zutrittskontrolle unterliegt. Nur 20 Personen ist es gestattet, das Gebiet um den Coyote Buttes und die Wave zu besuchen. 10 Bewilligungen werden über Monate im Voraus durch eine Lotterie im Internet vergeben, 10 weitere werden täglich, jeweils um 9 Uhr, in Kanab für den darauf folgenden Tag verlost. Wir zogen das grosse Los mit der Bekanntschaft mit Dave, einem Amerikaner, leidenschaftlicher Geograph, der sich Wanderer nennt. Sein Leben verbringt er buchstäblich mit www, das für ihn Welt Weites Wandern bedeutet. Eine seiner Wanderungen brachte ihn eines Abends zu uns ans Auto, weil er neugierig hineinschauen wollte. Einige Worte hin und her, und wir verabreden uns für den nächsten morgen um 7, um einen Tag gemeinsames www. Als Ziel schlägt er uns die Tipies vor. Das sind Felsformationen, die Form und Farbe von Indianertipis haben sollen. Vom Wire Pass Trailhead wanderten wir zielstrebig Davids Instinkt nach. Das kleine Kräftemessen am Anfang bestanden wir alle mit einem Unentschieden und schon bald trabten wir in unseren Gedanken und interessanten Gesprächen durch die weglose Wildnis. So nach fünf, sechs Stunden über Stock und Stein, durch Slot Canyons und vorbei an Felsmalereien, streckte David seine Nase häufiger in die Luft, Durst, Hitze, Hunger überwindend, und murmelte etwas vor sich hin, was in etwa bedeutete, dass er heute einen schlechten Tag habe, er finde die Richtung nicht. «So Tage gibt es», lachte er jeweils, wenn wir mit einer 90 Grad Kehrtwende weitergehen mussten oder etwa vor einen unüberwindbaren senkrechten Felsabsturz standen. Doch irgendwann, die Sonne stand bereits weit über dem Zenit, standen sie vor uns: Die versteinerten Tipis, die eine gewisse Ähnlichkeit mit 1000-schichtigen Raspberry Millefeuilles hatten, frisch aus dem Dressiersack eines Zuckerbäckers geformt.

David drängt uns weiter, er hätte noch etwas für uns. Beim Weitergehen wurden die Sandsteinfelsen bunter, die Wellen ausgeprägter und die Formen phantastischer. Tipis, Blumenköhle, ausgedrückte Zahnpasta, Geschmolzener Zucker, die Haartracht einer Fee, eine verzauberte Stimmung kam von den Felsen, durch das Licht des Nachmittags verstärkt. Dann, «noch 100 Schritte my friends», flüsterte uns David mit einem zwinkernden Auge zu, «ich habe mich trostlos verlaufen, wir sind verbotenerweise bei der Wave angekommen. Sprachlos standen wir dort…….. und durchschritten die Wave auf Zehenspitzen. Bitte nicht weitersagen…….

Hinter der nächsten Ecke verbarg sich die versteinerte Meereswelle
Thank you David, it was a great day
karte