Nach einem Abstecher in die Tatacoa Wüste sind wir auf dem Weg zur Ruinenstätte San Augustín, wo wir uns einmal mehr in die Präkolumbische Zeit zurückversetzen wollen. Doch vorerst gleiten wir auf einem schwarzen Asphaltband dahin, das mit einer gelben schnurgeraden Markierung in der Mitte markiert ist. Eine Seltenheit für uns; nichts da, mit 30 Stundenkilometer durstig durch die rote Wüste holpern, auf Schotter um Schlaglöcher zirkeln, nein, mit 100 Stundenkilometer mindestens sind wir unterwegs und wir können uns dabei sogar noch unterhalten, so leise ist es im Auto. Eine leichte Kurve, vielleicht ein bisschen weit hinausgetragen, und da steht er, inmitten unserer Fahrbahn: Gespreizte Beine, gewölbte Brust und viel Gelb auf der grünen Uniform, wie ein Admiral auf dem Oberdeck einer spanischen Fregatte. Sein Winken ist kein empfangendes Hallo oder ein verabschiedendes Adios, nein es ist schlicht und einfach ein Befehl zum Anhalten und an den Strassenrand zu fahren, mit der gleichen Vehemenz ausgedrückt, wie ein Befehl des Admirals zum Angriff. Ein Grossaufgebot der Polizei lauert hinter der Kurve und ist auf Jagd nach Geschwindigkeit überschreitende Automobilisten, eben solche wie wir. Zu schnell seien wir unterwegs gewesen, achtzig sei die zugelassene Höchstgeschwindigkeit und dies gelte auch für Touristen. Na gut, wenn’s nicht schlimmer ist, kann ja mal passieren – oder etwa nicht? Ausweispapiere will er sehen, Pass, Internationaler und Schweizerischer Fahrausweis und Fahrzeugausweis und die SOAT, die kolumbianische Haftpflichtversicherung für das Auto. Wir reichen alle Dokumente durch das Fahrerfenster dem Admiral zu, der sie gründlich und mit Sperberaugen studiert. Nichts scheint seiner Aufmerksamkeit zu entgehen, schon gar nicht das Ablaufdatum der SOAT. «Ist heute der sechszehnte?» fragt er belanglos. «Ja, seit letzter Mitternacht» kommt von meiner Seite etwas plump daher, wird aber zur vollkommen unwichtigen Antwort wegen seinem Nachsatz: «Die Versicherung ist nach dreissig Lauftagen gestern abgelaufen, ihr Fahrzeug ist demnach nicht auf Kolumbiens Strassen zugelassen». Der Admiral traf mit dieser Kanonenkugel unsere Breitseite. Sind wir tatsächlich über einen Monat hier? Er nimmt unsere Dokumente und geht zu seinen Kollegen zur Beratung. Etwas später winkt er mich zu sich zum Polizeifahrzeug, wo er und seine Kollegen mich aufklären, dass das Auto leider konfisziert werden müsse, bis ich eine neue SOAT gelöst hätte, was allerdings nur in der Bezirkshauptstadt, etwa 200 Km von hier, gemacht werden könnte. Inzwischen würde das Auto auf einen Laster verladen und ins nahegelegene Polizeirevier gebracht. Von der Geschwindigkeitsüberschreitung ist keine Rede mehr. Ich soll mir das überlegen, fügten sie hinzu und liessen mich stehen. Meine Frage, ob wir denn im Polizeirevier auf dem Parkplatz campieren könnten, blieb unbeantwortet. Zurück im Auto setzten wir zuerst mal unsere Bialetti aufs Feuer und bei einem Stück trockenen Kuchen schilderte ich Moni die Situation. Ist ja nicht so schlimm, wir werden auf dem Polizeirevier einen sicheren Campingersatz haben, spannen ein, zwei Tage aus, fahren mit dem Bus in die Stadt und organisieren die SOAT. Take it easy, wir haben ja Ferien. Kaum haben wir uns darauf eingestellt, ruft mich wieder ein Polizist zu sich und fragt, ob ich es mir überlegt habe. «Klar, wir haben das Gesetzt verletzt, wir stehen gerade für die Konsequenz, bezahlen die Busse und organisieren in den nächsten Tagen die Versicherung, wenn wir solange im Auto auf ihrem Parkplatz campieren dürfen. Wenn sie unser Auto auf einen Laster verladen, sollten sie doch bitte beachten, dass es nahezu fünf Tonnen wiege.» Diese Schuldanerkennung bewirkte eine Admiralskonferenz. Die Polizisten steckten die Köpfe zusammen und diskutierten in einem mir nicht verständlichen Dialekt. «Wie viel Busse ich denn gewillt wäre zu bezahlen?» raunt mir ein Sprecher des Admiralchors zu. «Keine Ahnung, ich denke, dass die Kolumbianische Staatsgewalt die Bussenhöhe festlegen sollte und ich, wie ich es mich, als Schweizer Staatsbürger gewohnt bin, diese Busse irgendwie bezahlen werde». Nun, dieser Einwand fiel auf keinen fruchtbaren Boden, sie wollten wissen, wieviel mir eine freie Weiterfahrt denn Wert sei. Es läge mir natürlich viel daran, freie Fahrt zu haben, denn dies entspräche ja unserem ursprünglichen Plan, aber anderseits, da wir das Gesetz gebrochen haben, werden wir selbstverständlich die ordentliche Strafe bezahlen und die geforderte Haftpflichtversicherung unmittelbar kaufen. Auch mit diesem Argument kommen wir auf keinen grünen Zweig. Schlussendlich füge ich an: «Es tut mir sehr leid, auch wenn ich mich sozusagen freikaufen möchte, fehlen mir die Mittel dazu, weil ich fast keine kolumbianischen Pesos auf mir trage. Aber ich könnte ich ja mit meiner Kreditkarte etwas begleichen, so in etwa für jeden für euch zwanzig amerikanische Dollars». Bei dieser Aussage sehe ihre Rädchen drehen: «Schmiergeld per VISA? Geht’s denn noch?» Nach ein paar Gedankenaustauschs und Schönrederei, waren sie es satt. «Da, deine Dokumente, kauf dir eine SOAT und wir vergessen die ganze Sache, behalte dir Kolumbien in guter Erinnerung, qué le vaya bien!


In präkolumbischer Zeit war das Gebiet des heutigen San Augustin von der San-Augustin-Kultur besiedelt. Der Name deutet schon darauf hin, dass wenig bekannt ist von dieser vorchristlichen Kultur. Die etwa 600 zum Teil überlebensgrossen Steinfiguren und die vielen Steingräber geben den Archäologen noch heute Rätsel auf. Irgendwie passen die steinernen Darstellungen von Menschen, Tieren, Götter und Dämonen mit den furchteinflössenden Grimassen nicht in diese Region von Südkolumbien, sie erinnern jedoch stark an die Steinfiguren der mittelamerikanischen Mayas. Auch ist nicht nachvollziehbar, warum diese kolumbianischen Ureinwohner plötzlich, so ungefähr im achten Jahrhundert, ausstarben, lange bevor die Spanier die Region erreichten. Nieselregen begleitet uns auf dem Rundgang durch das grosse Gelände des archäologischen Parks, wo die meisten Steinkolosse stehen. Eingehüllt im dampfenden Schweigen sitzen wir auf dem Hügel neben zwei solch Kolossen. Ein Schwarm Spatzen hockt sich in unserer Nähe nieder und zwitschert in einem scheinbaren Wettbewerb, doch unsere Blicke ruhen auf den Gesichtern mit den Blockzähnen. Mit welchen Werkzeugen diese Steinbrocken behauen wurden? Waren es viele verschiedene Künstler, die die Felsblöcke nach Anleitung eines Meisters bearbeiteten und er arbeitete nur die Details heraus? Wie es wohl hier vor zweitausend Jahren zu- und herging und welche Töne man hörte? Das singende Geräusch beim Hammerschlag auf ein Spitzeisen, sozusagen der moderne Ton des Steinhauers, bekam man bestimmt nicht ins Ohr, denn Hammer und Spitzeisen waren zu dieser Zeit noch nicht erfunden. Welche Vorbilder nahmen sie? War Globi bei den San Augustiner die erste Ausgabe?

Im nahen gelegenen Museum werden wir aufgeklärt, dass sich nur noch etwa ein Drittel der ursprünglich 600 Figuren hier befinden, andere stehen in Museen auf der ganzen Welt. So auch an die fünfzig alleine in Berlin. Wie das kommt? Es ist eine gängige Praxis in der Kolonialgeschichte der letzten fünfhundert Jahre. Europäische Ethnologen durchforsteten ihre Kolonien nach Schätzen und transportierten alles Wertvolle in ihre Heimat, offizielle Genehmigungen waren dazu meistens gar nicht nötig. Sind diese Artefakte nun Diebesgut oder Forschungsobjekte? Wer hat wirklich Anspruch auf sie? Eine Frage, die sich nicht nur hier in Kolumbien stellt, sondern auch in Peru und Mexiko, aber auch in vielen afrikanischen und asiatischen Ländern. Hatte nicht kürzlich der französische Kulturminister versprochen einen Anlauf zu nehmen und einige Schätze aus dem Louvre zurück in die echte Heimat zu bringen? Jedenfalls wird diese Thematik im kleinen Museum in San Augustin angesprochen und auch der deutsche Ethnologe Konrad Theodor Preuss, der von 1913 bis 1922 zahlreiche Skulpturen für Forschungszwecke nach Deutschland überführt.

Leider sind die letzten Tage regnerisch und trüb und so entschieden wir uns, wieder einmal in einem grösseren Sprung weiterzugehen, trotz dem supertollen Campingplatz gleich neben dem Archäologischen Park.

Bis 22. Oktober