Es ist schon hell, die aufgehende Sonne malte einen hellen Streifen in den westlichen Horizont, als Payipwat erwachte und missmutig aus dem Tipi kroch. Er hatte grosse Lust die Türe hinter sich zuzuknallen um damit die schlechten Träume zu vertreiben, doch zum Glück für seine Frau und die vier Kinder, die noch auf dem Bisonfell kuschelten, hatte das Tipi keine Tür. Bei der Feuerstelle, wo sie gestern Abend den Feuertanz zelebriert hatten, qualmten die Birkenklötze noch vor sich hin, genug um Tränen in seine Augen zu treiben, jedoch zu schwach um die Moskitos vom Stechen abzuhalten. Gedankenverloren missachtete er die entzündeten Pusteln am Rücken, nur ab und zu kratzte er die, in dieser Nacht hinzugekommenen Schwellungen an der rechten Arschbacke. Konnte er etwas Neues aus den Kohlestücken lesen?

Das viele Tage dauernde Powwow mit den Nachbarclans hatte zu keinem Ergebnis geführt. Die Kapawe’no, die Mikisew Cree, die Atikameg, sie alle teilten dasselbe Schicksal, und nun legten sie dieses in seine Hände. Als Schamane und Stammesältester der Assiniboin hätte er den richtigen Weg weisen sollen.

Sie alle brauchten dringend Nahrung, Rohstoffe für Kleider, Bettdecken, Seifen und vieles mehr, was die Natur und die Bisonherden nicht mehr hergeben konnten, seitdem die weissen Siedler weiter westwärts in ihre Jagdgründe eingedrungen waren und die Herden bis auf wenige hundert Tiere dezimierten. Die Bisons waren die Lebensgrundlage aller nomadischen Indianerstämme. Aus dem Fleisch, dem Fett, den Innereien, Knochen und Felle fertigten sie nicht nur Nahrungsmittel, wie der geliebte Pemmikan, sondern auch Haushalts- und Hygieneartikel, sowie die verschiedensten Utensilien für ihre Zeremonien.

Vor 30 Jahren, Payipwat erinnert sich gerne an diese Zeit als er noch ein Kind war, zogen mehr als 2 Millionen Bisons über die Prärie und sie jagten diese geschätzten Lebewesen mit Bedacht und oft auch unter Lebensgefahr mit Pfeil und Bogen. Mit ihren Tipis und kleinen Familienclans sind sie ihnen gefolgt, haben mit ihnen sozusagen gelebt. Die weissen Siedler jedoch töteten diese Tiere als Leidenschaft und mit einem unverständlichen Jagdfieber. Bisonschädel reduzierten sie zu Trophäen, das Fleisch zu Vogelfutter, lediglich die Felle wurden verwertet, der Rest verrottete.

Doch auch er hatte keine greifbare Lösung gefunden, die gestrigen Gebete und das Verbrennen von Süssgraszöpfen lösten lediglich Alpträume in ihm aus. Krieg, wie das seine Brüder forderten war nicht die Antwort, das war das einzige, dessen er sich sicher war. Aber welche Alternativen blieben ihnen? Verhandlungen brachten bis jetzt nichts und werden weiterhin nichts bringen, denn zu weit auseinander liegen die Interessen, geprägt von den kulturellen Hintergründen der Kontrahenten: Sie, die Indianer, die mit der Natur leben wollten und die Eindringlinge, die von der Natur leben wollten. Sie, die mit ihren Tipis die Landschaft bloss kitzelten und die Siedler, die sie mit schweren Maschinen bearbeiteten. Zu allem Übel brachten sie nicht nur Landmaschinen, Dampfmotoren, Kettensägen, Backöfen, sondern auch Masern, Grippe und Tuberkulose.

Heute liegt ein geometrisches Muster aus Weizen, Gerste, Goldhirse, Hafer und Viehzäune über die Feuerstelle, wo 1843 Payipwat Manitu vergebens um Hilfe bat. Vergraben liegt die einstige Pracht der Prärie. Bei unserer Durchquerung von Manitoba, Saskatchewan und Alberta besuchten wir einige Indianerreservate und Museen der First Nations, wie die Indigenen Völker in Kanada genannt werden. Und wie so oft, sind auch hier Einzelinteressen, Politik, Wirtschaft und Geschichte so eng miteinander verfilzt, dass wir nur kurze Stücke der dünnen Fäden folgen konnten, die kein einheitliches Bild aber schöne Eindrücke ergab.

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