Von Edmonton führt der Grizzly Trail (Highway 33) nach Swan Lake und dann schnurgerade weiter nach Norden bis zum Lesser Slave Lake, wo er in die Northern Woods and Water Route einmündet, die uns schliesslich nach High Prärie bringt. Wenig Verkehr, breite Strassen in tadellosem Zustand und eine monotone Landschaft lassen unseren Gedanken freien Lauf. Nicht viel los draussen, endlose Rapsfelder in verschiedenen Reifegrade, grüne und braune Getreideflächen durchschnitten von kurvenarmen Strassen, dessen Strassenränder sich am Horizont zu einem Punkt vereinen und in einen tiefblauen Himmel überführen. Kurz vor uns die Ortschaft High Prairie, knapp 400 Km von Edmonton entfernt.

In meinen Gedanken sehe ich den strampelnden Maël, der uns im Juli zu Grosseltern machte und Anlass für den einmonatigen Aufenthalt in einer Ferienwohnung in Plaffeien war. Das Sensegebiet war ausnahmsweise mal Mittelpunkt von Fribourg, Bischofszell, Fällanden und St.Gallen. Schnell, zu schnell verging die Zeit mit dem neuen Familienmitglied, die Treffen mit der Familie und guten Freunden.

Doch Edmonton war dann auch wieder ein Stück Nachhause kommen. Dave und Nancy, bei denen wir unser DaBa während dieser Zeit stehen lassen konnten, holten uns vom Flughafen ab und mit Kristina und den ehemaligen Arbeitskolleginnen aus den guten alten «Edmonton-Zeiten» feierten wir ein Wiedersehen bei Glen vom Tzin Wine and Tapas (ein Schottländer in Edmonton – und noch dazu Tapas; das kann ja nur gut kommen). Am Sonntag, als krönender Abschluss in Edmonton besuchten wir zusammen mit Nancy und Dave den Cirque du Soleil mit dem Programm Kurios. Besonders imponierten uns die Schlangenmenschen, die sicher zu sechst in unserem DaBa zusammen kochen könnten, gleichzeitig betten, tischen und servieren, ohne sich in den Weg zu kommen.

Nach High Prairie führt die Strasse steil runter in das Tal vom Peace River und zum gleichnamigen Ort mit etwa 4000 Einwohner. Die verfeindeten Indianerstämme der Cree und Bever schlossen an diesem Fluss Frieden, daher der Name Peace River. Friedlich geht es auch heute zu in diesem Kaff, das ausser einer imposanten Bahnbrücke nicht viel zu bieten hat. Ebenso wenig aus den Socken haute uns der nahegelegene Queen Elisabeth Provinzial Park. Tiefer in dieses Paradies führt uns der Mackenzie Highway, zuerst dem Peace River und dann dem Hay River folgend. Ein Abstecher führt uns mit einer Fähre über den Peace River nach Fort Vermilion, zu der ersten Siedlung von weissen Fellhändler. 470 einsame Kilometer nordwärts bis zum 60. Breitengrad der die Grenze zwischen Alberta und Northwest Territories bildet. Wer die Einsamkeit sucht, findet hier den Eingang zum Paradies.

Dieter scheint diese Einsamkeit zu lieben. Kurz vor der Grenze kommt er uns auf seinem Velo entgegen. Bestimmt nicht zufällig hielten wir nach einem aufmunternden Winken aus dem Seitenfenster an. Ihr könnt euch vorstellen wie wir staunten, als er uns in einem gemütlichen Bärndütsch begrüsste! Nicht viele Schweizer hätte er angetroffen auf seiner Reise, bestimmt keine mit einem Schweizer Nummernschild. Ein Wort gab das andere und dabei fanden wir heraus, dass uns das Schicksal bereits vor fünf Jahren hätte zusammenführen können, nämlich bei unseren gemeinsamen Freunden Helen und Bernhard zuhause in Yantai! Wieder mal wundern wir uns, wie klein doch die Welt ist. Nach einem längeren Schwatz, mit einem Glas Most im Magen und einer zusätzlichen Chocolat Villars im Gepäck, fährt er den Mackenzie Highway gegen den Wind südwärts weiter und wir mit dem Wind im Rücken nordwärts. Seine gestählten Waden erzählten viel von seinen Weltreisen mit dem Fahrrad, alleine auf dieser Tour durch Alaska hatte er schon über 6000 Km in den Beinen. Lange sahen wir ihn im Rückspiegel, bis er als Punkt auf der Geraden verschwand.

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