In der Nacht auf den 30. September bildete sich die erste Eisschicht auf dem Mosquito Lake, vorbei ist es mit dem messerscharfen Spiegelbild der nahen Schneeberge. Noch vorgestern erkundeten wir den See mit dem Kajak, doch die Kälte der letzten zwei Tage hat gereicht; fast gereicht, muss ich sagen, denn eine kleine Fläche ist am oberen Ende des Sees eisfrei geblieben. Fünfzehn Trompetenschwäne, die gestern auf der Durchreise zu ihrem Winterkurort hier zwischenlandeten, teilen sich nun die freie Wasserfläche mit ein paar Enten. Trompetenschwäne sind nicht irgendwelche Schwäne, es sind die grössten Wasservögel der Welt! Mit Flügelspannweiten bis zu 3 m und einem Gewicht bis zu 17 kg sind es wahre Giganten der Lüfte – man stelle sich das Bild vor, 15 von denen in diesem eisfreien Tümpel! Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ihr Strampeln die Eisbildung weiterhin verhindern kann, bin mal gespannt, wie lange sie noch freien Zutritt zum Wasser haben. Ihre trompetenähnlichen Rufe hallen über den See und sind von unserer Hütte am Rande des Sees gut zu hören.

Unsere Hütte? Ja, wir sind wieder in ein Haus umgezogen. Wir haben unser Auto in der Nähe von Haines, direkt am Mosquito Lake vor den einfachen Bungalow gestellt, der uns Felix, bei dem wir in Anchorage das Fondue gegessen hatten, vermittelte (http://joeordonez.com/lodging/). Wie Könige fühlten wir uns, gewisse Geschäfte kultiviert auf WC-Schüsseln zu erledigen, die sonst im Dunkeln an kalten zügigen Orten schnell abgewickelt werden mussten. Eine warme Dusche, eine Küche mit 4 – ja, vier Heizplatten mit Backofen, ein Bett das nicht zur Sitzfläche umgebaut werden musste, geniessen und schätzen wir als Luxuseichrichtungen. Auch die allnächtlichen Eskapaden für die Aurora-Photographie waren für Moni erträglicher, konnte ich doch so einfach unbemerkt aus dem Bett schleichen!

Ein Schauspiel sondergleichen ist es, hier auf der Terrasse stehend, die Start- und Landemanöver der Schwäne zu bestaunen, die ihre Anmut, Eleganz und Würde selbst bei diesen eisigen Bedingungen bewahren und leichtfüssig wie Balletttänzerinnen in Tschaikowski’s Schwanensee über das Parkett gleiten. Mit flatternden Flügel und strampelnden Füssen beschleunigen sie auf Fluggeschwindigkeit, anfänglich noch mit Ausrutscher und Eisdurchbrüchen, doch mal in der Luft, sind sie unschlagbar elegant. Ihre Landemanöver sind tollkühn, erinnern mich an meinen ersten Start- und vor allem Landeübungen in den 70ziger Jahren mit einem Starrflügler auf dem Napf. Weit gestreckte Beine, Skier 45° zum Boden, bei Schneekontakt starke Vorlage und das Metallgestell des Hängegleiters möglichst hochheben. So ähnlich, gestaltet sich der Landeanflug des Trompetenschwanes auf eisiger Fläche, auch er braucht etwa 100 m bis zum Stillstand.

Heute beginnt das Alaska Bald Eagle Festival; das Städtchen erwartet über 150 Besucher aus der ganzen Welt, die der alljährlichen Versammlung von über 3000 Weisskopf-Seeadler am Chilkat River beiwohnen wollen. Diesem Naturphänomen liegen zwei Ursachen zugrunde: Erstens, weil das Flussbett des Chilkat Rivers im Bereich der Einmündungen von Tsirku und Klehni auf einer Strecke von etwa 10 Km bis tief in den Winter eisfrei bleibt und zweitens, in diesem Flussabschnitt noch die letzten Lachse in grosser Zahl zum Ablaichen unterwegs sind. Erschöpft und ausgehungert von der langen Reise vom Atlantischen Ozean bis hierhin zu ihrem Geburtsort, streifen die Lachsfrauen mit letzter Kraft ihre Eier auf den Kieselgrund des Flussbettes, wo sie die Männchen dann befruchten. Der grösste Teil dieser Fische stirbt nach Vollendung ihrer Lebensaufgabe an Erschöpfung und wird leichte Beute für alle Interessierte, die Lachs auf ihrer Speisekarte haben – unter ihnen auch die Weisskopf-Seeadler. Seit ewigen Generationen hat sich dieses späte Lachsmeeting im Chilkat River unter den Weisskopf-Seeadler herumgesprochen, und sie alle nutzen diese effizient zu erhaschende Proteinquelle als kulinarischen Zwischenstopp.

Auch unter Fotografen hat sich dieses Ereignis herumgesprochen, und sie lauern mit ihren Kameras und aufgeschraubten Objektiven, kleinen Kanonen gleich, im Gebüsch um nicht auf Spatzen, sondern auf Adler zu schiessen. Auch ich mische mich mit meiner kleinen Amateurausrüstung unter die Profis und pirsche tagelang durchs Gebüsch, mal in der Sonne, mal im Schnee.

Besonders attraktive Bilder lassen sich schiessen, wenn sich die Adler um ihre Beute streiten und das tun sie oft, denn Adler sind Piraten! Auf Bäumen sitzend suchen sie einen Artgenossen, der seine Beute bereits grob zerlegte aber die Delikatessen noch nicht verspeiste. Falls dieser Artgenosse kleiner, jünger oder mindestens schwächer ist, dann startet der Pirat zum Angriff im Wissen, dass sein Opfer nun vier Optionen in seinem Verhaltensmuster hat:

  1. Kampffrei aufgeben und ihm die vorbereitete Speise überlassen
  2. Falls der Fischkadaver nicht zu schwer ist, packen und mit ihm fliehen
  3. Beiseite gehen mit gesenktem Kopf und abschätzen, ob der Pirat stärker ist
  4. Kampfbereitschaft zeigen, indem er seinen Hals nach hinten biegt und den kraftvollen Schnabel zeigt.

Ich kann euch sagen, dies mitzuerleben ist einmalig, nicht nur für Biologen!

Den Adlern diesen Kurzaufenthalt am Chilkat River auch in weiterer Zukunft naturnahe zu gewähren, und den Fotografen sichere Abschussrampen zu schaffen, wurde 1982 vom Staat das Alaska Chilkat Bald Eagle Preserve gegründet.

Doch nicht nur Adler schätzen die späte Wanderung der Lachse in Haines. Ausdauernde Sportfischer welche noch Platz in ihren Tiefkühltruhen haben, und Bären, die noch vor der Winterruhe etwas Fett anlegen wollen, trifft man im nahegelegenen Chilkoot River an (gleich neben dem Chilkat).

Karte