Eine Mutter überquert den Mackenzie Highway, sichtlich besorgt über ihre drei Teenager von denen sie jedoch nur zwei sieht. Hoch aufgerichtet steht sie da mitten auf der Strasse und guckt abwechselnd zu uns und in das angrenzende Waldstück zu unserer Linken. Glücklicherweise ist nahezu kein Verkehr auf dieser Schotterstrasse, die weder Zebrastreifen noch Trottoirs hat aber trotzdem den Status eines Highways. Da! Der Nachzügler kommt aus dem Gebüsch, sieht uns und flieht sofort auf den nächsten Baum, stoppt seine Klettertour nach dem Ruf der Mutter und schups, folgt er ihr über die Strasse. Ui, noch mal gut gegangen, die ganze Bärenfamilie ist rüber.

Der Mackenzie Highway folgt grossräumig dem breiten, tief eingeschnittenen gleichnamigen Fluss, den wir weder sehen noch hören können, zu weit weg ist sein Bett von der Strasse. Verschiedene Seitenflüsse kreuzen unsere Strasse um den Weg in die tiefergelegene Talebene zu nehmen. Einige tun dies unspektakulär mit Schlaufen und Windungen, andere nehmen die Abkürzung über sehr spektakuläre Wasserfälle, gemeinsam sind jedoch ihre klingenden Namen. Bis Fort Simpson sind es die Mc Nallie Creek Falls, Lady Eveline Falls, Coral Falls und Sambaa Deh Falls, die uns begeistern und den Twin Falls vom Hay River in punkto Faszination nahekommen.

Kurz vor Ford Simpson endet die Strasse am Liard River bei der Anlegestelle der Fähre, die nonstop von 9 AM bis 11 PM von einer Seite zur anderen pendelt. Kapitän und Schiffsmannschaft unterstehen dem Strassenamt, sind also kanadische Staatsangestellte. Die Überfahrt ist gratis. Fort Simpson steht heute unter Notstand, es ist Samstag kurz vor 18 Uhr. Tourist Office geschlossen, einziger Lebensmittelladen geschlossen. Einzelne Passanten in festlicher Kleidung fallen auf, sie scheinen alle ein gemeinsames Ziel zu haben, denn vor der City Hall gehen sie in gleicher Richtung wie wir, nach der City Hall kommen sie uns entgegen. In der Icebreaker Bar, fast am Anfang des Dorfes und einzig offenes Restaurant, zieht uns die aussen aufgehängte Menuekarte nicht gerade an, aber mangels Alternative immer noch besser als nichts. «Sorry, no food in town tonight aber möchtet ihr ein Bier?» war die Antwort auf die Frage ob ich die Speisekarte mal sehen könnte. Wieder draussen klärte uns ein Einheimischer mit fantastisch entzündetem Zahnfleisch auf: «Ha, ein Hochzeitsfest ist heute Abend, mit vielen geladenen Gästen, einen schlechteren Zeitpunkt zu einem Besuch hättet ihr nicht treffen können – auch morgen Sonntag ist alles geschlossen». Eine Aussage, die unseren Plan zur Weiterreise vorgab, zumal wir zuvor auch herausfanden, dass die Mackenzie Valley Highway immer noch unter Konstruktion oder erst in Planung ist und wir Inuvik am Arktischen Ozean von hier nicht erreichen können. Nancy hat uns da einen grossen Bären aufgebunden! Unsere Alternative steht fest: Liard Highway – Alaska Highway – Klondike Highway – Dempster Highway – ein paar tausend Kilometer.

Anderntags nehmen wir den Liard HW in südwestlicher Richtung dem Liard River entlang unter die Räder. Wieder fast 500 Km Schotterstrasse mit schöner Aussicht auf den wilden Liard Fluss, der uns auf dem Weg seine verschiedenen Gesichter zeigt. Mal sehen wir ihn windig aufbrausend, mal sanft hinfliessend. Selbstverständlich treffen wir auch hier wieder Bisons an, die die Strasse als schnelles Wegenetz entdeckten und in der Schneise auch eher von Wölfen geschützt sind. Von lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Beinahe wäre uns dies passiert, doch zum Glück tauchte gegen Abend Fort Nelson vor uns auf. Ausser Auftanken, Einkaufen und Übernachten bietet diese Stadt nicht viel und schon bald ziehen wir weiter nördlich auf dem berühmten, geschichtsträchtigen Alaska Highway, immer noch dem Liard Fluss entlang. Ein Vergnügen ist es, wieder mal auf Asphalt zu fahren!

Weitere Orte, die wir als Übernachtungsplätze aufsuchen, sind der samtgrüne, mit Mineralien angereicherte, Muncho Lake, die Thermalquellen im Liard River Hot Spring Provinzial Park und der Schilderwald von Watson Lake. Dieser Ort entstand 1942 aus einem Arbeiterlager beim Bau der Alaska Highway. Der Legende nach nagelte ein hierher verpflichteter amerikanischer Soldat das Strassenschild seiner Heimatstadt an einen Pfosten und gründete damit den Ursprung zu einem Schilderwald von über 100’000 Orts- und Nummernschilder aus der ganzen Welt. Kaum zu glauben, sogar Weinfelden, Winterthur, Sarnen und andere Schweizer Orte sind mit ihren originalen Ortsschilder vertreten.

Weiter nördlich kommen wir zu einem unauffälligen, leicht übersehbareren Ort mit der Bezeichnung Continental Dividing. So unauffällig, so einschneidend ist dieser Ort, denn er bildet eine der grössten Wasserscheiden in Nordamerika, und zwar zwischen dem Mackenzie- und dem Yukon Flusssystem. Östlich von uns fliesst das Wasser über den Liard zum Mackenzie, um nach 4200 km in den Arktischen Ozean zu münden und westlich fliesst es über den Yukon nach 3700 km in den Pazifischen Ozean. Erst beim Anblick dieser Flüsse kann man die Grösse dieser Ecke Northwest Territories, Yukon und Alaska erahnen. Wir werden noch eine Weile dem Yukon River folgen, hinein in eine geladene Geschichte vom Gold Rush um dann über den Dempster Highway zum Mackenziedelta am Arktischen Ozean zu fahren. Wenn’s mit der Zeit klappt.

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