Wir sind in Inuvik, nicht weil diese Stadt speziell sehenswert ist, sondern weil sie am Ende des Dempster Highway liegt, die eigentlich eine 750 Km lange Sackgasse ist. Hier bewahrheitet sich die Redewendung «der Weg ist das Ziel», denn nicht die Stadt, sondern die Überwindung der Strasse stand für uns im Vordergrund. Einmal dort, wurde Inuvik für uns auch kein Sehnsuchtsort, sondern ein Fluchtort. Nach einer Nacht auf dem Campground, mitten in der Stadt bei einem unwahrscheinlich unsympathischen Campwart, flüchteten wir ein paar Kilometer südlich in das super sympathische Arctic Chalet Resort und wieder einen Tag später mit dem Flugzeug in den ganz hohen Norden nach Tuktoyoktuk (siehe Bericht). Wieder zurück von Tuk mussten wir dann ein paar Tage in Inuvik verbringen, weil die Kabelfähre über den Peel River wegen Hochwasser ausser Betrieb war und deshalb der Dempster Highway unpassierbar ist. Da kein anderer Weg zurück nach Dawson führt, gab es nichts anderes als warten und jeden Tag den Wasserstand des Peel Rivers nachzufragen, also Gelegenheit, Inuvik und die Umgebung etwas kennen zu lernen.

Ort der Menschen

Der Name Inuvik bedeutet «Ort der Menschen». Ob das stimmt? Wir sehen viele geschäftige Weisse in den Strassen und viele traurige Inuvit-Gestalten auf der Treppe des heruntergekommenen Supermarktes. Wieder werden die sozialen Unterschiede zwischen den Einheimischen und den Weissen so deutlich, wie wir sie so oft gesehen haben. Erst beim Nähersehen finden wir Parallelen zu anderen Orten. Diese Siedlung wurde in den 60-ziger Jahren vom Kanadischen Staat gebaut, um den nomadisierenden Familien in der Arktis ein festes Zuhause  zur Verfügung zu stellen und sie damit kontrollierbar zu machen. Man stellte ihnen bunte Häuser hin und bot in überteuerten Lebensmittelläden ein Angebot an Fastfood und in Plastik verschweisste Nahrung an, sozusagen als Kompensation zu ihrer früher so aufwendigen Jagd und Fischerei. Als Ersatz für ihr Leben bekamen sie Sozialhilfe, Miete, Strom und Heizung frei und so gewöhnte man sie an Geld – nicht an «Geld verdienen», da fehlt es leider oft an Gelegenheiten und Schulung, sondern an «Geld bekommen». Aber Geld alleine füllt den Graben zwischen ihrer und der weissen Kultur nicht. Apathie, Alkohol und Drogen gewinnen schnell an Bedeutung und helfen die traditionelle Lebensweise zu vergessen, ohne einen neuen Platz in der Gesellschaft zu finden. Ich stehe meist mit gemischten Gefühlen da und fühle mich betroffen, unseren Wohlstand zu ihren Kosten aufgebaut zu haben.

Nach fünf Tagen bekamen wir endlich die Nachricht, dass die Fähre wieder in Betrieb ist. Also los, zurück auf die Dempster, den Weg den wir gekommen sind. Eine 750 Km lange, staubige und ausgefahrene Schotterstrasse, die sich alten Trapper- und Hundeschlittenrouten folgend durch die Weiten der Arktis schlängelt. Teilweise auf Permafrost gebaut ist sie eine Legende unter Kanadas Reiserouten, die Pneus und Federung gleichermassen einer harten Belastungsprobe stellen. Mit randvollem Dieseltank, Wagenheber und Reserverad im Gepäck machen wir uns auf und überqueren in der einzigartigen Landschaft zwei Bergketten – die Richardson und die Ogilivie Berge und zwei Flussläufe – den Peel River und den grössten Fluss Kanadas, den Mackenzie River. Während unserer zweitägigen Slalomfahrt um Schlaglöcher und Waschbrettabschnitte begegnen wir kaum Autos. September ist nicht die typische Reisesaison, dafür werden wir belohnt mit tiefroten und gelben Herbstfarben. Die menschenleere Einsamkeit macht uns ganz klein.

Karte