Gegen Höhenkrankheit können wir uns durch einen langsamen Aufstieg schützen, gegen die Kopfschmerzen hilft Aspirin aber ein verstopfter Dieselpartikelfilter ist wie ein entzündeter Blinddarm: entweder leben wir mit dem Problem und fahren nicht mehr über längere Zeiten auf grosser Höhe, oder raus damit. Vor uns liegen die vielversprechenden Anden Perus und Boliviens, eine der berühmtesten Hochlandstrasse der Welt zwischen 4000 und 5000 Meter und einige hohe Übergänge zwischen Chile und Argentinien. Orte, auf die wir nur ungern verzichten wollen. Deshalb entscheiden wir uns für die operative Blinddarmentfernung. Das heisst aber auch, dass die Software für die Motorsteuerung geändert werden muss, damit der Bordcomputer nicht wegen den fehlenden Sonden auf Störung geht. Theoretisch ist dies machbar, dies hatten wir in verschiedenen Chatforen im Internet gelesen und auch von der LARAG in Will und Herrn Akkawi von der HRZ bestätigen lassen. Aber wie gehen wir praktisch vor?

Zum Glück finden wir immer wieder gute Geister und hilfsbereite Menschen, wie zum Beispiel Olaf Eilers von der Firma Ecuware in Deutschland, der uns per WhatsApp alle Anleitungen für einem Umbau schickt, und auch anbietet die Software unseres Sprinters zu ändern. Allerdings müssten wir ein Gerät haben, mit dessen Hilfe die Software überhaupt erst heruntergeladen werden kann. Wir wollen den sichern Weg wählen und suchen die Mercedes Garage in Lima auf, mitten im Knäuel der Grossstadt. Nach Schilderung des Problems sehen wir nickende Köpfe, ihnen war diese Situation klar, denn die Mercedes Sprinter in Peru haben keine solche Hightech Filter eingebaut, zum Nachteil der Umwelt, jedoch zum Vorteil für die Höhentauglichkeit. «Alles klar, kommt heute gegen fünf Uhr nochmals vorbei, dann habe ich eine Lösung für euch bereit», hörten wir vom adrett gekleideten Service Empfangsmechaniker. Dann um fünf sagte uns derselbe adrett gekleidete Mann, dass wir doch morgen früh nochmals vorbeikommen sollen, denn dann können wir zusammen mit dem Techniker eine Lösung finden». Wenn schon keine Lösung für dieses Problem gefunden wurde, so finden wir glücklicherweise ganz in der Nähe das Areal des Schweizer Clubs und der Schweizer Pestalozzischule wo wir auf dem Parkplatz übernachten dürfen. Aus einer Übernachtung werden schlussendlich vier, denn die Mercedestechniker können/wollen das Problem nicht lösen und vertrösten uns von einem Tag auf den anderen. Bevor wir den Schweissbrenner selber in die Hand nehmen oder den Dieselpartikelfilter drin lassen, und halt die Anden links oben liegen lassen, schickt uns Olaf noch eine Facebook Adresse von einem Chip Tuner in Lima, der uns eventuell weiterhelfen könne. Und ob er kann! Luciano Soldi steckt hinter der Facebook Adresse und wir finden ihn in einem heruntergekommenen Quartier Limas, wo er in einer Hinterhofwerkstatt aus Oldies Rennautos macht. Er quetscht sich hinter einem Thunderbird Model 65 hervor, hängt seinen Laptop an DaBas Diagnosesteckdose, lädt die Motorsteuerung herunter und schickt die Software zur Modifikation einem Freund in Chile. «Kommt morgen früh wieder, dann räumen wir den Filter raus, laden die neue Software – und schwaps könnt ihr wieder gehen». Gut, wer A sagt, sagt B, so machen wir es. Die Nacht wälze ich mich in Träumen von explodierenden Motoren, schwarz verstopften Keramikfilter, von einem toten DaBa, getragen von einem schwarzen Lastwagen an der Spitze einer Kolonne auf dem Weg zum Friedhof: gestorben wegen einem fehlerhaften Herzschrittmachers, wird geflüstert, ein Versagen des Chirurgen. Doch es kommt anders, alles gut!
Am nächsten Tag werden wir von Luciano erwartet. Der Filter wird ausgebaut, mit der Trennscheibe von ihm persönlich aufgetrennt und an einen Mech weitergeleitet, der die Keramik Filterelemente mühsam herausmeisselt. Während Luciano die neue Software in die Autosteuerung lädt, kommt der Karosseriespengler hinter dem Chevrolet Bel Air 1957 hervor und richtet und schweisst mit liebevoller Hingabe den Dieselpartikelfilter zusammen. Alle Tätigkeiten werden von Bruno, dem schwarzhaarigen Sicherheitschef der Werkstatt überwacht. Am Mittag stehen Luciano Soldi und all seine Freunde neben unserem DaBa, der ohne ein Stottern und ohne Fehlermeldung anläuft. Luciano sei Dank! «Bezahlen müsst ihr erst, nachdem ihr 100 Kilometer gefahren seid und alles rund lief», meint er. Wir hingegen bezahlen, nehmen seine Kontaktdaten ins WhatsApp auf und fahren weiter. Wir hatten genug von Lima gesehen. Später, nach über 1000 Kilometer und Überwinden von bis zu 5000 Meter hohen Pässen werden wir ihm schreiben: «Hallo Luciano, alles bestens. DaBa läuft wie ein Peruanischer Stinkdiesel, selbst mit der schlechten Dieselqualität fernab der Panamerica! Vielen Dank nochmals».
In der Schweiz werden wir einen neuen Dieselpartikelfilter einbauen lassen. Kosten von 5000 Franken müssen budgetiert werden.

29. November 2019