Nach einer ruhigen Nacht und einem Morgenspaziergang im urwaldähnlichen Park Las Victorias, mitten in der hektischen Stadt Coban, machten wir uns auf den Weg in das bergige Herz Guatemalas. Doch zuerst mussten wir unsere Speisekammer füllen, denn viele Einkaufsmöglichkeiten waren später nicht mehr zu erwarten. Der bunte Markt zog uns in seinen Bann.

Getränkt mit den bunten Bildern des Marktes fuhren wir auf der Carretera Secundaria RN 5 weiter, die auf der Landkarte gestrichelt markiert ist. Wir hatten diese Strassenkategorie schon öfter befahren und dabei die verschiedensten Bedingungen angetroffen. Meist waren sie nur teilweise geteert und etwas holperig, jedoch gut ausgebaut und breit genug für zwei sich kreuzende Fahrzeuge. Die RN 5 schien jedoch anders zu sein, irgendwie falsch eingezeichnet, denn sie war eine durchwegs asphaltierte Strasse mit gelb gemalter Mittellinie, die sich elegant den Berg hinaufwand. Leise folgten wir ihr und hörten das ‘Echo der Zeit’ vom Vortag als Podcast der SRF. Nicht Trump stand ausnahmsweise im Mittelpunkt des Weltgeschehens an diesem Tag, sondern der Tod von Kofi Annan, der, im Gegensatz zu Trump, Brücken baute und nicht Mauern. Adolf Ogi würdigte ihn mit Trauer herrscht. «Ich verliere einen Chef und einen Freund.» Gedankenversunken glitten wir weiter den Berg hinauf, bis sich, nach einer mit glänzenden Leitplanken eingegrenzten Kurve, eine störende Baustelle in den Weg stellte. Eine leblose Baustelle war es, eine ohne krachende Baumaschinen und vielen Arbeiter, eine auch, die nie endete. Denn weiter führte eine rumplige, unbefestigte Strasse über Berg und Tal, das sanfte Dahingleiten war vorbei. Die Lautstärke des Radios mussten wir um mehrere Dezibel erhöhen, damit wir Ogis Worte noch verstanden. Nicht unweit dieser Baustelle, nach einer eng gezogenen, unübersichtlichen Kurve, hatten wir die erste Begegnung mit Wegelagerer. Die Strasse war mit einem Seil abgesperrt und ein älterer Mann verlangte ‘etwas’ Geld. Wieviel ‘etwas’ genau sei, wusste er nicht zu beantworten, aber er fügte an: «Einfach ein bisschen für meinen Sohn und mich, weil wir die Strasse bewachen.» Nachdem wir ihm ‘etwas’ gegeben hatten, es waren umgerechnet etwa zwei Franken, erblickten wir seinen Sohn. Der Junge liess das Seil auf die Strasse gleiten und mit einem «buen viaje» liessen sie uns unbehelligt weiterziehen. Die zweiten Wegelagerer folgten gleich nach der Abzweigung in Richtung Lanquin. Auf einem steil nach unten führenden Stück Strasse, mit einem tiefen Abgrund auf der linken Seite und Felsbrocken auf der Rechten,  stand diesmal ein jüngerer Mann vor einem über die Strasse gespannten Seil. «Doch nicht schon wieder» sagte ich zu Moni und wir entschlossen uns, diesmal die Taktik zu ändern. Anstelle von Abbremsen und Anhalten gab ich Gas, und drohte mit dieser Aktion, das Seil zu zerreissen. Ein aufgeschreckter Junge, der zuvor offenbar hinter einem Felsbrocken versteckt war, löste sogleich die Spannung des Seiles und verhinderte damit das Zerreissen der Zollschranke. Zügig, mit besonders vielen Blicken in den Rückspiegel, fuhren wir ohne die zusätzliche Wegzollabgabe weiter. Die Schotterpiste windete sich einspurig dem tief eingeschnittenen Tal des Rio Duce entlang. Zum Glück hielt sich der Gegenverkehr in Grenzen, sodass wir mit wenigen Ausweichmanöver und mühseligen Rückwärtsfahrten nach etlichen Stunden in Lanquin ankamen. Die letzten zwanzig Kilometer waren dann eine echte Herausforderung für das Auto und für uns. Es war mittlerweile schon fünf Uhr, hatten also noch knapp zwei Stunden Tageslicht. Mit eingeschaltetem Vierradantrieb und Getriebeuntersetzung folgten wir dem knapp 3 Meter breiten Trail, der grob aus dem Felsen gehauen war. Ganz steile Passagen, entweder steil hinauf oder steil runter, waren durch zwei betonierte Fahrspuren gesichert, und erleichterten das Vorwärtskommen. «Lass uns umkehren, das geht doch nicht» machte sich hin und wieder Monika bemerkbar, wenn etwa ein ganz grobes Stück Weg vor uns sichtbar war. Doch an Wenden war nicht zu denken auf diesem schmalen Pfad und unser Ziel, das Naturschutzgebiet Semuc Champey, lag vor unserer Nase. Kurz vor Eindunkeln, unsere Durchschnittsgeschwindigkeit war 12 Stundenkilometer, fanden wir schlussendlich das imposante Naturphänomen inmitten tropischer Vegetation. Anderntags bestaunten wir mitten im üppigsten Grün des Dschungels die natürlichen Kalksteinterrassen, die verschieden grosse Wasserbecken stauen und allesamt zum Baden einluden.

Nach zwei Nächten verliessen wir diesen traumhaften Ort um weiter Richtung Norden in den dichten Dschungel des Petén im nördlichen Guatemala zu fahren, denn dort wollten wir die berühmten Fundstätten der Mayas besuchen. Doch diese Fahrt musste mühsam abgearbeitet werden, die Strassenbedingungen waren miserabel und mit Abstand das schlimmste, was wir bis anhin antrafen. Der grobsteinige Weg, steil und eng, liess sich nur ganz langsam mit eingeschalteter Untersetzung fahren. Da war der Umzug des heiligen Antonius eine willkommene Abwechslung. Mit viel Rauch und tanzenden Masken wurde er durch die Strasse getragen und in einen Kleinlaster verladen.

Unser Weg führte meist durch dichten Wald und nur hier und da kamen wir an Siedlungen vorbei, wo wir uns nach der Richtung erkundigen konnten. «Ja, ja, nur weiter in dieser Richtung, ihr könnt nicht falsch gehen, es ist der einzige Weg», waren in der Summe der gemeinsame Nenner der Antworten. Was jedoch die Dauer der Fahrt, oder die noch zu fahrenden Kilometer anbetraf, so waren die Antworten so vielfältig wie die Gewänder der Befragten bunt waren: «Ein paar Minuten noch», «nicht mehr weit», «ja so vielleicht eine Stunde». Gemäss unserem GPS waren wir ungefähr in der Hälfte und wir fuhren bereits mehr als 6 Stunden! Dann, in einem besonders dichten Waldabschnitt, erblickten wir einen grossen Steinbrocken mitten auf dem Weg, der uns die Weiterfahrt verhinderte. Ein grimmig ausschauender Mann, mit einer Machete in der Hand, stand davor und verlangte 100 Amerikanische Dollars für die Durchfahrt. Er sah nicht nur grimmig aus, sondern auch professionell und irgendwie abgedroschen, jedenfalls war er eindeutig von einem anderen Kaliber als die zwei Wegelagerer, die wir am Vortag angetroffen hatten. Unsere Karten in diesem Spiel um Geld waren eindeutig die schlechteren. Schnell durchdachten wir unsere Optionen: Pfefferspray, Pressluft-Alarmsirene und Machete im Seitenfach der Fahrertür waren eindeutig nicht die geeigneten Instrumente, das physische Kräfteverhältnis war zu ungleich. Den Gesteinsbrocken um- oder überfahren, unmöglich. Bezahlen? Möglich, aber nicht ohne Verhandlung, denn in diesem Fach schien mir das Kräfteverhältnis umgekehrt zu sein. Also verhandelten wir durch den kleinen offenen Fensterspalt. «Nein mit VISA Card könnt ihr nicht bezahlen» war schon mal eine vernünftige Aussage auf meine dumme Frage. «Wir haben aber keine Dollars mit uns, wir sind ja Schweizer und nicht Amerikaner!», verstand er zwar nicht auf Anhieb aber er schaute sich wenigstens unser Nummernschild an. Die Umrechnung auf Schweizer Franken war zu viel für ihn und so fanden wir nach einigem hin und her letztlich den Kompromiss: «Alles was ich im Portemonnaie habe – okay?» «Okay!» Es waren 200 Quetzal, umgerechnet etwa 25 Franken, die Monika im vorher ausgeräumten Portemonnaie stecken liess. Sein Helfer erschien hinter dem Busch und gemeinsam rollten sie den Brocken an den Strassenrand und wir konnten passieren. Glücklicherweise waren wir nach zwei weiteren Stunden auf bessere Strassenverhältnisse gestossen und fanden noch vor vollkommener Dunkelheit ein Hotel, wo wir zwar ein Zimmer bezahlten aber auf dem geschlossenen Innenhof gemütlich, tief und sicher schlafen durften. Die Maya Ruinen konnten wir ohne weiteres auf den morgigen Tag verschieben, sie waren ja schon seit Jahrhunderten unter dem dichten Pflanzenbewuchs des Regenwaldes versteckt, was zählt da ein Tag mehr oder weniger?

18. – 21. August