Das Meer von weissen Bergflanken scheint durchstochen zu sein von schwarzen Felsgipfel. Mit meinem Zeigefinger zeichne ich die Ideallinie vom höchsten Gipfel ins Tal, überspringe mit Leichtigkeit Felsabbrüche, die in Wirklichkeit mit grosser Wahrscheinlichkeit unpassierbar wären und tödlich enden würden. Ich ziehe eine stiebende Schneewolke wie eine Fahne hinter mir her, höre den Klang des fliegenden Pulverschnees, fühle die immer heisser werdende Oberschenkelmuskeln, auf denen man schon bald Spiegeleier braten könnte. Das Gefühl im Grenzbereich zwischen Bodenhaftung und Abheben zu sein, stellt sich ein. Wie beim Starten mit dem Gleitschirm, nur dort spielt die Physik mit. Der Auftrieb des Schirms gleicht sich mit der Schwerkraft aus. Beim Extremskifahren muss man jedoch die Schwerkraft aushebeln, indem man mit nahezu Fallgeschwindigkeit der Falllinie runterfährt. Dann löst sich nicht nur der Körper vom Boden ab, das ganze Sein wird schwerelos und das Gefühl des Fliegens stellt sich ein. Was daran besonders ist? Schwierige Frage, aber ich glaube es hat viel mit Adrenalin und anderen Glückshormonen zu tun, die in diesen Momenten den Körper fluten. Immer wieder stürze ich mich von den Höhen runter ins Tal, eine Spur mit schönen Biegungen hinterlassend. Ohne die kleinste kritische Phase und ohne ein Auslösen einer Staublawine beherrsche ich das Risiko. Auf dem Fenstersitzplatz 6A der Boing 767 der Condor Air habe ich im Landeanflug nach Seattle die volle Übersicht über den unter uns liegenden Abschnitt der Rocky Mountains. Vor 16 Stunden verliessen wir Zürich und in Kürze werden wir landen, das Gepäck in Empfang nehmen, es durch den amerikanischen Zoll schieben und weiter nach Vancouver fliegen. Nach zwei Übernachtungen in einem Hotel in der Innenstadt geht es dann mit der Fähre nach Vancouver Island rüber, weiter nach Qualicum Beach, wo wir unseren DaBa aus der Pension bei Hansjörg Stussi auslösen. Die Reise kann nach fast drei Monaten Ferien in der Schweiz wieder aufgenommen werden.

Zurückschauend waren es dichte drei Monate in der Schweiz, in denen wir leider nicht alle Freunde treffen konnten, die wir gerne gesehen hätten. Aber das wichtigste, Maël, unser erster Enkel, näher kennen zu lernen konnten wer in vollen Zügen ausleben.

Als Fahrende verbrachten wir viel Zeit im Zug zwischen einem Ort zum anderen, Bischofszell, Lausanne, Luzern, Fällanden, Winterthur, Fribourg, Zürich, Maggia waren unsere Destinationen, alles Orte, die durch Freundschaften verwoben sind. Dies verhalf zu viel Musse, die vorbeiziehende Schweiz zu beobachten und die Gespräche der wenigen Mitreisenden zu belauschen, die neben dem Smartphone noch die verbale Kommunikation kennen. In einer wundervollen Landschaft ist sie eingebettet, die Schweiz; in Zuckerwatte geschützt, kleinkariert und herzig, für viele so schützenswert, dass sie sie am liebsten in ein rundes Käse-Holzschachteli mit einem gut verschliessbaren Deckel mit einem aufgeklebten gelben Postauto stecken würden. Mit einem zusätzlichen Ölpapier vor jeglichen Kontaminationen geschützt, könnte der Inhalt im Saft der eigenen Identität brühen. Nichts käme mehr hinaus, kein Bankgeheimnis, keine Swisscom Daten, keine Amateurspione, ausser ein paar Waffen der Ruag und Arbeitsanweisungen krimineller Rohstoffhändler. Ausser viel Geld käme auch nichts hinein, keine Fremdarbeiter, keine Schmutzigmacher. Immer mehr Leute glauben daran, dass dies der richtige Weg sei, Abschottung. Eine weltoffene Bevölkerung mit Vertrauen, Zuversicht, Akzeptanz und Stolz kann ich immer weniger ausmachen, fast verschwunden ist sie, wegrationiert im Sinne von «weniger Staat – mehr Freiheit», Egoismus. Anstelle von Gebühren oder Steuern wird von Abzocke gesprochen, anstelle von Konsens tritt schwarzweisse Polarität. Zum Unglück gibt es auch noch diese schwerreiche Bürgerfamilie, die in grösster Aufopferung, einer muss ja die Arbeit machen, polemisiert um uns auf den richtigen Isolationsweg zu bringen. Die SVP wurde von dieser Familie und ihren Freunden geprägt und diese scheinen ja immer richtig zu liegen. Im Bahnhof Zürich sah ich ihr Wahlplakat: Ein Besen wischt roten Dreck weg (die Stadtregierung) und darüber steht: «Saustall Stadtrat ausmisten». Schade, dass gerade diejenigen, die sich nach alten Werten und Respekt zurücksehnen, heute mit der Motorsäge politisieren und sich eines Vokabulars bedienen, das mich erschauern lässt.

Nach Bern verkündet der Zugbegleiter: Nächster Halt Freiburg. Eine schöne Stadt, die auf beiden Seiten des Röstigrabens liegt und bilangue ist. Sie scheint viel weltoffener zu sein als die Städte der Ostschweiz. Maël wurde in diese Stadt hineingeboren, es scheint so, als einmal Freiburg – immer Fribourg. In Romont, ennet der Sprachgrenze, verkündet der contrôleur: Prochain arrêt Lausanne. Noch ein bisschen mehr anders ist es hier, irgendwie weht ein sympathischerer Wind hier, obwohl Biese, Biese ist. Es sind nicht die Grünen oder die SP, die das ausmachen, es ist das französische Flair, das das Rohnetal hinaufweht und sich über den Genfersee verbreitet.