Nach St. Ambrosia am Lake Manitoba führt eine nicht enden wollende Schotterstrasse. Ornithologen nehmen diese Strecke auf sich, weil es dort besonders viele und seltene Vögel gibt. Wir, weil wir eine Übernachtungsmöglichkeit suchen und auf der Landkarte ein grünes Dreieck auf einen Campingplatz am südlichen Seeufer hindeutet. Auf der Fahrt dorthin suchen unsere Blicke aufmerksam nach den braunen Hinweisschildern, die üblicherweise die Campgrounds signalisieren. Doch weit und breit ist nichts zu sehen, auch hinter der dichten Staubwolke, die wir mit uns ziehen, kein Wegweiser weit und breit. Die Nase als GPS benutzt biegen wir kurzentschlossen nach einer Strassenbiegung links ab und fahren in Richtung See. Mehr ein Weg als eine Strasse führt ganz ans Seeufer, diesem etwa 300 m entlang und endet mit einem Kreisel. Wie es die Kreisel in sich haben, fährt man wieder dorthin zurück, von wo man kam. Deshalb verliessen wir den Kreisel und erklärten die Wiese daneben als unseren Campground. Wir richten uns gemütlich ein, an diesem wunderschönen Spätnachmittag.

Es ist der Abend des 25. Mai, der Frühling erwacht. Wir stehen auf der Wiese unmittelbar am See, wo einst ein Campingplatz war. Die ersten Löwenzahnblüten durchstechen das junge Grün des Rasens, die jungen Brennnesseltriebe und Himbeerblätter gleich hinter uns versprechen einen schönen Tee. Ein blauer Himmel färbt sich rötlich und gibt dem anstehenden Sonnenuntergang einen würdigen Rahmen. Pelikane jagen in der Gruppe nach Fisch, die Möwen kreisen im Abendwind und hinter uns, über dem Ried nutzt ein Schwarzadler die schwache Thermik für seine Abendsegeltour aus. Das Klopfen eines Buntspechtes übertönt das melodische Singen einer rotgeflügelten Amsel, Strandläufer rennen im sich rot verfärbenden Sand der Wasserwellen nach und erhaschen einige Sandmücken. Die Sonne ist im Begriff unterzutauchen. Paradiesich – nicht? Endlich steht wärmeres Wetter an, der Frühling erwacht und macht sich bereit. Ich stehe mit Stativ und Fotoapparat in dieser Szene und kann mich nicht satt sehen.

Doch nicht nur der Frühling erwacht. Milliarden von Fishflies (Ähnlich unserer Eintagsfliege, Ordnung der Ephemeroptera) verwandeln sich ebenfalls an diesem Abend. Wie auf das geheimnisvolle Zeichen eines Dirigenten schwimmen die Larven an die Wasseroberfläche und verabschieden sie sich von ihrem Nymphen Stadium. Sie pumpen ihre Flügel auf und tanzen davon. Sie verdicken die Luft, innert kürzester Zeit stecken wir auf unserer schönen Wiese in einer dichten Wolke dieser zweiflügligen Biomasse, das Gelb des Löwenzahns, das Grün der Wiese, das Rot des Himmels verfärben sich grau. Eine tanzende, nach Fisch riechende Wolke umgibt uns. Innert kürzester Zeit ist nicht nur das Auto voll damit, sondern auch unsere Ohren und Nasenlöcher. Wir ziehen uns ins Auto zurück, wo eine unschöne Schlacht beginnt. Träge lassen sie sich abschlachten, als Rache hinterlassen sie grüne Flecken und einen Gestank nach vergammelten Fisch. Offenbar ist ihr Verdauungsapparat noch voller Algen, die sie in ihrem Vorstadium im Wasser aufgenommen haben.

Anderntags bleibt uns nur die Flucht, wir überlassen den Fishflies das Territorium, sie sollen ihr kurzes Leben ohne um sich schlagende Touristen geniessen. Nicht die Staubwolke trübt bei der Rückfahrt die Sicht, es sind die Fliegenleiber, die zur grünen Masse werden. Unser Auto hat Masern, grüne Flecken innen und aussen, gleichsam verteilt, Grabsteine sozusagen. Die Vögel werden heute bestimmt alle satt.

k a r t e