Verwirrt und durchfroren fahre ich aus dem Schlaf hoch, das laute ‘buones dias’ unseres Guides und das Rütteln am Zelt passen überhaupt nicht in meine Träume. Wo bin ich? Was war das? Das Schlagen der Zelthülle und das Knistern der darüber gespannten Plastikplane bringen mich von den kurzen, abgeschnittenen Träumen, mit wenig Schlaf dazwischen, zurück in die Realität. Die ganze Nacht war beherrscht von diesen knisternden Geräuschen und dem Pfeifen der Sturmböen. Die schlurfenden Schritte des Guides gehen wieder am Zelt vorbei, er kommt zurück von seiner Wecktour. Im Licht meiner Stirnlampe spiegelt das Uhrglas, unsicher kann ich schwach die Zeigerstellung ablesen: Halb vier! Halbwegs ist es eine Erlösung aufzustehen, denn die dünne Unterlage auf dem Geröll, der abgenutzte Schlafsack und ein Rucksack als Kopfkissen boten nicht allzu viel Komfort für diese kalte Nacht auf 3600 Meter Höhe. Wir liegen eng aneinander gekuschelt da, darauf erpicht, so viel Wärme zwischen uns einzuschliessen, wie nur möglich. Mitleidig rüttle ich Moni wach, los geht’s! Das heisse, wässrige Schokoladegetränk weckt die Geister auch nicht besonders aber wärmt wenigstens die kalten Knochen ein bisschen. Wir ziehen sämtliche Kleider an, denn der eisige Wind bläst unritterlich: T-Shirt, Hemd, Flies, Daunenjacke und Regenjacke darüber, Kappe und Handschuhe – und immer noch kalt. Punkt vier, beinahe als Letzte der Gruppe, packen wir die Stöcke und klettern im wackligen Lichtkegel der Stirnlampe die steile Rampe hoch. Wie ist uns geschehen?

Vorgestern, beim Nachtessen in Antigua, entschieden wir uns ganz spontan, den fast 4000 Meter hohen Vulkan, Acatenanga zu besteigen. Im Internet stöbernd fanden wir schnell Gilmer Soy, ein Führer, der eine organisierte Tour anbietet und Gäste auch mit Zelt, Schlafsäcke, und falls notwendig, mit warmer Bekleidung ausrüstet. Ein Telefonanruf genügte um uns zu versichern, dass wir am nächsten Morgen zwischen sieben und acht abgeholt und mit einem Auto in sein Dorf gefahren werden. So traf sich in La Soledad, das kleine Dorf an der Südflanke des Vulkans, eine bunte Truppe aus verschiedenen Nationen. Allesamt motivierte Vulkanbesteiger, mit mehr oder weniger Bergerfahrung. Die ersten Höhenmeter führten uns durch Mais- und Gemüsefelder, die sehr ungesund ausschauten. «Dies sind die Folgen des Ausbruchs vom Vulkan Fuego im letzten Juni» erklärte uns der Führer, «der heisse Ascheregen bedeckte und vermoderte alle Pflanzungen in dieser Gegend. Es war die schlimmste Eruption seit Jahren, bei der über hundert Leute in der Lava und heissen Asche verstarben». Gedankenverloren stiegen wir weiter, und zum Glück mussten wir uns auf den sehr steilen, rutschigen Weg konzentrieren. Das feine Vulkangeröll wirkte wie Kugellager unter unseren Bergschuhen und liess uns die Auswirkungen der Gravitation und Rollwiderstand hautnah erleben; zwei Schritte hoch, einer zurück. Moni und ich konnten gut mithalten mit der Gruppe, und hatten sogar genügend Puste um mit einem der Führer ins Gespräch zu kommen. Nach harten, jedoch kurzweiligen fünf Stunden Bergsteigen, näherten wir uns dem Basislager, das an der Nordflanke des Acatenango, gleich gegenüber des Fuego lag. Gut versteckt hinter dichten Nebelschwaden fanden wir die sieben kleinen Giebelzelte, die gute Geister bereits aufgestellt hatten. Müde liessen wir unsere Rucksäcke fallen und waren trotz dem beissenden Rauch heilfroh, am wärmenden Lagerfeuer die Beine strecken zu können. Nach einer Suppe und Kaffee krochen wir schlotternd vor Kälte in das hinterste Zelt der Reihe, es war erst sieben Uhr aber bereits dunkel. Zähne putzen hätte gutgetan, nach den am Feuer gebratenen Marshmallows, aber in Abwägung von Aufwand und Nutzen, liess ich es bleiben. Gute Nacht Fuego, benimm dich und bleib ruhig, waren meine letzten Gedanken vor dem Einschlafen.

Eine halbe Stunde klettern wir bereits den steilen Weg zum Gipfel hinauf, was uns dermassen ins Schwitzen bringt, dass wir ein paar Sachen ausziehen müssen. Schritt für Schritt gehen wir im Lichtkegel der Stirnlampe weiter, und erreichen überraschenderweise nach einer weiteren halben Stunde bereits das erste Gipfelzeichen des Vulkankraters. Fragend schauen wir uns an: «Haben wir schon 400 Höhenmeter hinter uns?» Die weiteren 200 Meter zu dem etwas höheren Rand des Kraters gehen wir in geduckter Stellung, dem aufkommenden Wind so wenig wie möglich Angriffsfläche zu geben. Schnell ziehen wir wieder sämtliche Kleider an. Trotz Handschuhe sind meine Finger dermassen steif, dass ich die Kamera kaum auslösen kann, als sich die Sonne hinter einer langen Wolkenbank bemerkbar machte. Der Himmel schien zu brennen, jedoch ohne Wärme. Moni duckt sich auf den Boden, die eisige Kälte beisst an ihrem Körper. Noch ein Rundblick auf die Nachbarvulkane Agua und den rauchenden Fuego und nichts wie weg, runter ins Tal, zurück nach Antigua.

Zwischen drei Vulkankegel eingeklemmt liegt Antigua, die einstige Hauptstadt der spanischen Kolonien in Zentralamerika. Die wunderschön restaurierten Kolonialbauten und die vielen kleinen Restaurants strotzen vor Schönheit und lassen den einstigen Reichtum und die Macht der spanischen Inquisitoren erahnen. Nicht zu Unrecht trägt Antigua den Titel des UNESCO Weltkulturerbes und ist ein beliebtes Ziel von Touristen.

Wir genossen diese Stadt in vollen Zügen, das Schlendern auf wackligen kopfsteingepflasterten Gassen, das sympathische Pasta-Restaurant von einem aus Bozen ausgewanderten Geologen, das Schweizer Restaurant Chez Christoph (ein ausgewanderter Lausanner), den quirligen Markt, wo man alles und nichts kaufen kann und die vielen Begegnungen mit der hiesigen Bevölkerung. Wie überall treten auch hier die Indios als Randerscheinung auf und scheinen überhaupt nicht in die weisse Gesellschaft integriert zu sein, ausser als Souvenirverkäufer für Touristen. Dazu kommen sie von ihren Bergdörfern, häufig viele Stunden entfernt, runter in die Städte um tagsüber ihre Handarbeit zu verkaufen. Meist ist dies die einzige Möglichkeit für sie, an harte Währung zu kommen, weshalb sie auch oft ein recht aggressives Marketing betreiben. Wir würden gerne mehr von ihnen abkaufen doch leider oder zum Glück, je nach Sichtweise, ist unser Platz im DaBa beschränkt.

 

13.-18. August