Einzigartig, grandios, überwältigend, ein unvergessliches Erlebnis, die schönste Eisenbahnstrecke der Welt und weitere Superlativen hört man von der Zugstrecke durch die Kupferschluchten vom Pazifik bis rauf auf die Sierra Madre nach Chihuahua. Liebevoll wird dieser Passagierzug auch El Chepe genannt, der einmal pro Tag den Weg von 650 Kilometer unter die Räder nimmt, angetrieben von vier Diesellokomotiven. Wir lassen unseren DaBa vor dem Hotel Pasada del Hidalgo in El Fuerte stehen, wo wir gestern übernachtete, und besteigen voller Erwartungen den El Chepe. Mas o menos pünktlich um halb Neun geht es mit einem grossen Ruck durch all die vielen Wagons los. Genüsslich lassen wir uns in die Polstersessel fallen, froh, dass der Erstklasswagen mit Aircondition ausgerüstet ist, denn draussen ist die feuchte Luft schon jetzt weit über 30 Grad warm. Das Ticket hatten wir bereits am Vortag in Los Mochis gekauft, von El Fuerte bis Creel, den interessantesten Abschnitt der Zugstrecke. Nach etwa zwei Stunden beginnt allmählich die Steigung, wir verlassen die Küstenebene und das Gleis schlängelt sich bewaldete Hänge hinauf. Eine dramatische Landschaft öffnet sich vor uns, immer steiler hinauf geht es über einen Wirrwarr von Schluchten, die über Kehrtunnels und Viadukte erschlossen sind. Schnell wechselt die Klimazone, Kakteen und Agaven machen Kiefern und Eichen Platz. Da ich die meiste Zeit im Durchgang zwischen den Waggons am offenen Türfenster stehe, bemerke ich den frappanten Temperaturwechsel.

Das Gebiet Barrancas del Cobre (Kupferschluchten), so sagt uns der Kondukteur, sei viermal grösser als der Grand Canyon und bestehe aus sieben Hauptschluchten. In Posada Barrancas erreichen wir die Hochebene und kurz danach hält der Zug in Divisadero, wo wir den zwanzig minütigen Aufenthalt für einen Spurt durch den Fressmarkt zum nahezu senkrechten Abgrund des Canyons nutzen können. Kaum zu glauben, 1800 Höhenmeter trennen uns jetzt vom Talboden. Dieses unübersichtliche Schluchtenlabyrinth bietet an den Hängen ausgiebige Vegetationszonen, in denen abgelegene Bergdörfer stehen, welche nur sehr schwierig erreichbar sind. Dies sind insgesamt gute Voraussetzungen für den Anbau von Marihuana und Opium und damit eine Hochburg mexikanischer Drogenkartelle. Diese organisieren den Anbau und den Transport in Richtung Norden in die USA. Dass es dabei immer wieder zu Konflikten zwischen konkurrierenden Kartellen gibt, liegt in der Sache der Natur, respektive daran, dass damit unermesslich viel Geld verdient wird. Deshalb wird auch der El Chepe von einer bewaffneten Militäreskorte begleitet. Noch zu gut ist der August 2008 in Erinnerung, als zehn schwer bewaffnete vermummte Männer in einem Lokal in Creel in eine Familienfeier geplatzt waren und 14 Menschen erschossen. Alles Männer, der jüngste gerade mal ein Jahr alt. Dieses Datum markiert den Beginn des Drogenkrieges zwischen dem Staat und den Kartellen.

Mit knapp einer Stunde Verspätung erreichen wir unser Ziel Creel, das auf rund 2000 Meter liegt. Schon beim Aussteigen werden wir von einer Kolonne von fahrenden Lautsprecher empfangen. Es sind 4X4 Offroader, die dieses Wochenende hier eine Rally ausführen. Junge, reiche Mexikaner fahren zum Gaudi Dorf-auf und Dorf-ab, mit ihren lauten, stinkenden Motoren auf einem vierrädrigen Eisengestell.

Schnell ziehen wir uns zurück in das heimelige B&B, mitten im Dorf. Die nächsten zwei Tage mieten wir Mountainbikes und versuchen, so gut wie möglich dem Getümmel der Offroader fern zu bleiben. Wir fahren ein Stück in die Sierra Tarahumara, dem Hinterland von Creel. Noch leben hier Raramuri, die wie vor tausenden von Jahren noch in Felshöhlen wohnen. In der Nähe der Mission San Ignacio bietet der kleine Ernesto Waren an und kratzt sich am Kopf, als er erfuhr, dass wir beide Namensvetter sind. In dieser Region gibt es auch ähnliche Gesteinsformationen wie in den USA, jedoch mit anderen Namen: Das Tal der Mönche, das Tal der Pilze und das Tal der Frösche liegen auf unserem Weg. Knapp vor dem grossen Regenschauer finden wir zurück zum Hotel.

Am Montag kehrte Ruhe ein und das Bauerndorf fand wieder zurück zum verschlafenen Nest, das es eigentlich ist. Am Mittag klettern wir die Gittertreppe hoch, in den Zweitklasswaggon des El Chepe, um zurück nach El Fuerte zu fahren. Natürlich erst nachdem der Cowboy das Geleise freigab. Rechtzeitig vor dem Gewitter waren wir wieder zurück und fanden den DaBa vor der Hotelanlage.

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