Die schwabbelnden Hinterräder des Lastwagens eiern an der faulen Achse und drohen jeden Moment abzuscheren, die viel zu schwere Ladung Gipssäcke jeden Augenblick runter zu purzeln. Mit 30 Km/h pustet der Laster den Berg hinauf und zieht eine weisse Gipswolke mit sich, die aus den teilweise gerissenen Säcken hervorquillt. Schwund nennt sich diese Wolke. Es ist das allmähliche Schwinden von Materie, wie von Zauberhand, über dessen Kosten man sich meist streitet, weil der Empfänger weniger erhält als der Absender berechnet. Dieser Laster fährt dem vorankeuchenden Gefährt mit der fruchtig riechenden Ananasladung so nahe auf, dass das Überholen nur eines Gefährts unmöglich ist, und um das Zweiergespann zu überholen, braucht es doppelt so viel Weitsicht, was auf dieser kurvenreichen Strasse mit viel Gegenverkehr nie vorkommt. So tuckern wir ebenfalls so nahe wie möglich hinter der Gipsschleuder her und machen damit dem Fahrer hinter uns das Überholen noch schwerer.

Die 45 ist die Nord-Süd Hauptverkehrsachse zwischen der Karibik und Bogota, die sich im breiten Tal des Rio Magdalena emporwindet. Vor drei Tagen verliessen wir Cartagena und wir schauen glücklich zurück auf eine eher langweilige, monotone Reise mit improvisierten Übernachtungsplätzen. Erschreckend fanden wir die vielen Slums, die sich an der Küstenstrasse bis Ciénaga hinzogen, und nur schwer vom angeschwemmten Abfall in den vermüllten Schlammlöcher und den Plastikbergen zu unterscheiden war. Viele Schwarze bevölkern diese Elendsviertel, vermutlich die Folgegenerationen afrikanischer Sklaven, die einst unter Peitschenhieben der Spanischen Konquistadoren Cartagena erbaut hatten. Langsam gewinnen wir an Höhe, beim Chicamocha Nationalpark erreichen wir die 1500 Meter Marke, und jeder gewonnene Höhenmeter bring etwas Abkühlung und trockenere Luft. Wir schätzen dieses angenehme Klima der Berge weitaus mehr als die stickige Feuchte der Karibikküste. Die Berge und schroffen Täler dieser Gegend sind wie ein Emmentaler durchlöchert. Nicht Gasblasen sind die Schöpfer, sondern Pickel, Schaufel und schweres Bergbaugeschirr in den vielen Smaragd Minen. Besondere Verzierung dieser Löcherlandschaft sind die mit natürlichem Lametta verzierten Bäume welche wir entlang des Camino Real finden und die vielen versteinerte Riesenmuscheln und Ammoniten.

Von Barichara, von vielen als die schönste Stadt Kolumbiens gewertet, führt uns eine abenteuerliche Strasse weiter über die Ostkordillere, tief in die faltenreiche Provinz Boyacá nach Villa de Leyva. Je näher wir Villa de Leyva kamen, desto lieblicher, sanfter und bewaldeter die Landschaft wurde. Sie erinnerte uns stark an das Schweizerische Mittelland, zumindest an die raren Gegenden ohne dichten Städtebau. Roman schien dies ebenfalls gedacht zu haben, als er vor vielen Jahren den Bichelsee mit dieser Gegend tauschte. Die Schweizer Fahne, die an seinem Betrieb an der Hauptstrasse zwischen Tunja und Villa de Leyva hängt, macht uns auf ihn Aufmerksam. Als gelernter Metzger eignete er sich Kochen und Backen an und führt heute ein Restaurant mit internationaler Küche, eine Bäckerei, Confiserie und eine Metzgerei. Nicht ohne sichtbaren Stolz präsentiert er uns seine Werkstatt. Im vorderen Raum wird gekocht, in der stickigen Luft liegt ein Geruch von garendem Brät und Fleisch. Im angrenzenden Raum wird gemetzgt, gewurstet und gebacken. In der Mitte des Raums baut ein junger Mann an der dritten Lage einer Schwarzwälder Torte, die er mit viel Liebe, Herzblut und Zucker verziert. Vor zehn Jahren, sagt und Roman, mussten noch fast alle Zutaten von der Schweiz importiert werden, heute jedoch, mit der Öffnung von Kolumbien, kann er das Meiste von Bogota beschaffen. Nach einem ausführlichen Schwatz bei einem Kaffee, um 10 Uhr morgens war noch nicht Fondue-Zeit, zogen wir weiter, aufmunitioniert mit Servelas, Bratwürsten, Käse und knusprigem Ruchbrot. Die Lebensdauer der Bratwürste war kurz, fast so kurz wie dasjenige von Eintagsfliegen. Nur zwei Tage später verspiesen wir sie zusammen mit Alex und Ansger.

Neben der wunderschönen Kolonialstadt Villa de Leyva besichtigen wir, einen Katzensprung von der Stadt entfernt, das ‘Casa Terrakotta’, eine aus Ton gefertigte und gebrannte Villa. Wieder einmal staune ich ob der immensen Phantasie und Willenskraft bestimmter Menschen. Der Architekt, Künstler und Handwerker Octavia Mendoza, schuf dieses Wohnhaus ganz aus Ton, genauso, wie heute Töpfer Vasen oder Tonfiguren brennen oder vor über 2000 Jahren der Kaiser Qin Shi Huang Di die Soldaten der Terracotta-Armee in Xi’an brennen liess. Sind die Terracotta-Krieger von Xi’An wohl die berühmtesten Tonfiguren, so ist das Terrakotta-Wohnhaus in Villa de Leyva die grösste Töpferarbeit der Welt! Die Reise durch diese gebrannte Erde fasziniert und hinterlässt Spuren in meiner Hirnhälfte wo die Phantasie ihren Ursprung hat.

20. September – 1. Oktober 2018