Nevada streifen wir nur im Norden und brausen im Sauseschritt und starkem Gegenwind in östlicher Richtung durch Cowboyland. Links und rechts der Strasse erstreckt sich die Prärie, in die einsame Ranches mit rustikalen Torreinfahrten eingebettet sind. Geröll und trockenes Gestrüpp trennen hier Cowboyland und Casinostädte. Auf der Grenze zu Utah liegt Wendover, ein «Klein-Las-Vegas» mit einer Population von etwa 10’000 Leuten. Wo sich die Grenze genau durchzieht, ist nur an den vielen Casinos ersichtlich, die nur in Nevada erlaubt sind. Im Glückspiel-Stadtteil parken wir vor dem geschlossenen Touristenbüro, es war Samstag, 14. April, Mittagszeit, angenehme Temperatur, unbefleckt blauer Himmel, genau das richtige Promenade-Wetter. Der Pensionär mit den weissen Lackschuhen, Hut und Hündchen, und wie es sich später herausstellt aus Utah, also ein Eingereister, grüsst uns irgendwie liebevoll und neugierig. Wieder sind wir im Blickpunkt wegen unserem DaBa, der mit Schweizer Kennzeichen und dem quadratischen, rotweissen Kleber mit Kreuz, auffällt wie ein blauer Hund unter Eisbären. Ja, wir haben das Auto von Europa mitgebracht; nein, sind nicht alles gefahren, zwischen Antwerpen und Halifax wurde es auf einem Schiff transportiert; nein, nicht überaus teuer, ungefähr 2000 Franken oder Dollar; ja schon lange, etwas über ein Jahr; noch etwa eineinhalb Jahre, bis Patagonien…… so die Antworten auf Fragen welche ihr euch ja vorstellen könnt. Als seine Neugierde gestillt war, und er von seinem ehemaligen Job, den Reisen in den USA und seinen Enkeln erzählt hatte, kam er zur Sache: «Das Touristenoffice ist geschlossen aber ich kann euch weiterhelfen. Der Blue-Lake wäre ein Abstecher wert, mit eurem 4×4 kein Problem, dann solltet ihr unbedingt nach Bonneville auf der Salzebene eine Runde drehen, dort wo so viele Geschwindigkeitsrekorde gefallen seien. Zu dieser Jahreszeit ist sie öffentlich befahrbar.

Also alles klar, der Reiseplan steht und ab zum amerikanischen Blausee in der grossen Salt Lake Desert. Eine sehr ausgefahrene, wellblechartige Strasse mit tiefen Schlaglöcher führt zu einem überdimensionierten Parkplatz, halb voll mit genauso überdimensionierten Trucks, alle mit dem internationalen Tauchabzeichen irgendwo auf der Karosserie. Nicht schlecht staunen wir, die vielen Taucher, Anfänger wie Erfahrene, hier im See zu sehen. Amüsiert schauen wir dem Gedränge im Wasser ein Weilchen zu und machen uns auf den Weg nach Bonneville, auf die Rennstrecke der Grossen Salzebene.

Weiter geht’s nach Salt Lake City und schon bald sitzen wir an diesem Sonntag (15. April) in der Sonne vor dem riesigen weissen Steinquaderbau, auf dessen Turm der goldene Engel Moroni, das Symbol der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ auf uns herunterschaut. Dieser imposante Bau inmitten des Temple Square ist das zentrale religiöse Heiligtum der Mormonen. Er prägt das gesamte Stadtbild von Salt Lake City. Uns gegenüber strömt eine Menschenmenge aus einem runden Gebäude, getragen von leisen Tönen von grossen Orgelpfeifen. Sie erscheinen uns etwas bleichgesichtig, feinhäutig, knochig, sind eher bieder angezogen, wie sie da am Sonntag aus ihrer Kirche strömen. Junge Damen in hoch geschlossenen langen Kleider bilden Händchen haltend eine Gruppe, beobachtet von Jungs in schwarzen, weiten Hosen mit messerscharf gebügelter Hosenfalte und dazwischen gehen Herr und Frau Mormone, er im schwarzen Anzug, weissem Hemd und Krawatte, sie in langem Kleid in zarten Tönen. Auffallend viele Missionarinnen und Missionare, junge Menschen aus der ganzen Welt, wieseln heute durch den Garten. Zwei Schweizer Missionarinnen, Schwester Lidia und Schwester Marianne, 19 und 20 Jahre alt, sprechen uns in breitem Berner Dialekt an und erzählen aus von ihrem Glauben. Ihre Missionsreise ist Teil eines Ritus, durch den junge Menschen, so um die 19, zu Erwachsenen heranreifen sollen. Während mindestens 18 Monaten gehen sie zu zweit in der Fremde von Tür zu Tür um Konvertiten anzuwerben. Dieses Wochenende sind viele von ihnen hier für einen Kirchenkongress versammelt, einge Hundert von den über eine Million, die in der ganzen Welt unterwegs sind. Uns kommen sie ein bisschen wie ein Geheimbund vor – vielleicht, weil kein Aussenstehender ihre weltweit mehr als 150 Tempel betreten darf?

Die Mormonen wurden in den USA lange verfolgt, bis sie Mitte 19. Jahrhundert in Utah Fuss fassten und die Stadt Salt Lake City gründeten. Noch heute ist diese Stadt sozusagen der Vatikan dieser Religionsgemeinschaft, die weltweit etwa 14 Millionen Anhänger hat. Da die Gläubigen ein Zehntel ihres Einkommens ihrer Kirche spenden, ist sie in weltlicher Hinsicht eine sehr reiche Kirche. Nicht nur wegen der Vielehe, die offiziell schon um die 1870 abgeschafft wurde, ist die Kirche in vieler Munde, sondern auch wegen ihrer heiligen Unterwäsche. Garments heisst sie, die lange weisse Unterwäsche, die, so wird berichtet, bestickt sei mit Symbolen der Freimaurer. Gesehen haben wir nicht einen Zipfel, zu gut waren sie nahe am Fleisch versteckt. Aber nicht nur der Temple Square ist eine Attraktion in Salt Lake City, das Parlamentsgebäude, die Stadtbibliothek und das angrenzende Leonardo da Vinci Museum sind eine ebenso grosse und etwas weltlichere Augenweide.

Wir ziehen weiter, die Mormonen konnten uns nicht bekehren. Ziel ist die Antelope Island im grossen Salz See, welche nicht weit, etwas nördlich der Stadt über einen Damm erreichbar ist. Auch hier überraschten uns nicht nur die vielen Vögel und die freilebenden Büffel, sondern auch der Schnee, der über Nacht unseren Vorgarten weiss puderte. Nicht viel, jedoch für eine Schnellballschlacht reichte er allenthalben.

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