Der Weg zur kolumbianischen Grenze führt uns ein letztes Mal über den gigantischen Rio Magdalena und ein weiteres Mal über die Zentralkordilleren, auf weit über 3000 Meter Höhe. Glücklicherweise sind die regenreichen Tage hinter uns und wir müssen nicht mehr mit Bergrutschen und verschütteten Strassen rechnen. Nicht mehr so wie vor ein paar Wochen beim Übergang von der Finca San Luis nach Puerto Boyaca. Bei starkem Regen und weit abseits von guten Strassen trafen wir auf einem Übernachtungsplatz ein junges Paar, Marike und Uldrik aus Belgien, die mit Zelt und einem schweren Motorrad unterwegs waren. Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich und sagten noch, dass wir uns eventuell irgendwo wiedersähen, weil wir ja beide die gleiche Route fahren werden. Und so war es, noch viel eher als wir alle annehmen konnten. Auf einer besonders rutschigen Stelle voller Schlamm, standen die beiden neben dem Motorrad und Marike winkte uns mit verzweifelter Gestik. Es war dermassen glitschig auf dieser löchrigen Lehmpiste, dass sie sich nicht wohl fühlten zu zweit auf der Maschine, zu fest schleuderte es sie von Loch zu Loch. Kurz entschlossen stieg Marike bei uns zu und Uldrik fuhr alleine los und hatte es so ein bisschen einfacher, das Rad in Balance zu halten. Wir folgten ihm mit einiger Distanz, denn auch wir kamen trotz Vierradantrieb nicht problemlos voran. Eine ganze Weile später sahen wir Uldrik neben seinem Töff vor einer Kurve winkend stehen, bleich und zitternd. Unmittelbar vor ihm kam eine Steinlawine runter und verschüttete die Strasse. Stotternd erklärte er: «Eine Minute früher und ich wäre darunter gekommen». Nach dem ersten Schreck machten wir uns an die Arbeit, die gröbsten Blöcke wegzuräumen, damit wir über das Geröll weiterkommen können. Pech hatten wir insofern, als ein entgegenkommender, ganz ungeduldiger Lastwagenfahrer die Durchfahrt erzwingen wollte und in der Folge von den glitschigen Steinen mit der Hinterachse ins Leere abrutschte. Nur das steinerne Brückengeländer hielt ihn in der Balance. Nun war die Strasse doppelt blockiert: Steinbrocken auf der Hangseite und ein schwankender Lastwagen auf der Talseite. Mit der Zeit strandeten mehr und mehr Autos und damit mehr Leute, die mit Aufräumen mithalfen. Die Lateinamerikanische Improvisation kam zum Zuge: Immer mehr Passanten palaverten, gestikulierten, diskutierten, jeder machte etwas scheinbar Unkoordiniertes, doch am Ende ging alles auf. Wie aus heiterem Himmel standen plötzlich gelb uniformierte Strassenarbeiter da, die dann die Sache professionell anpackten. Der Lastwagen wurde aus seiner misslichen Lage herausgezogen und eine Fahrbahn freigeschaufelt. Wir alle kamen mit dem Schrecken davon und fuhren weiter talwärts in der Hoffnung, dass nicht noch mehr nasse Hänge ins Rutschen kommen.

Nahe der Grenze zu Ecuador besichtigen wir noch die Wallfahrtskirche Las Lajas, die nicht wie üblich auf einem dominanten Platz steht, sondern im Gegenteil, tief unten in einer engen Schlucht versteckt. Mit wagemutiger Ingenieurskunst wurde sie wie eine Brücke über den Canyon des Rio Guáitara gebaut, eine Marienerscheinung, wie kann es anders sein, hatte diesen Ort definiert. Heute pilgern viele Leute zu dieser Kirche, die sich Heilung von einem Leiden versprechen oder um ihren unerfüllten Kinderwunsch zu deponieren. Viele Votivtafeln bezeugen den Dank für die empfangene Hilfe in ihren besonderen Lebenslagen. Eine lange Kolonne von Pilger bewegt sich der Strasse entlang zur Grenze von Ecuador, wobei viele von Lastwagen und Pickups ein Stück mitgenommen werden. Es sind Venezolaner, vor allem junge Leute mit auffallend vielen Kleinkinder auf der Flucht aus ihrem Heimatland, das von ihrem Präsidenten buchstäblich ausgesaugt wurde. Morales, die Zecke, verbeisst sich an der Machterhaltung auf ein Land, in dem die junge Generation keine Zukunft sieht. Traurigkeit, nichts als Traurigkeit überkommt uns beim Anblick der tausenden gestrandeten Leute an der Grenze. Weisse Rotkreuz Zelte auf dem grossen Platz auf dem Platz vor der Kolumbischen Migrationsgebäuden spenden Schatten tagsüber und nachts ein Dach über dem Kopf. Langes Warten inmitten dieser Menschenmasse gibt uns das erste Mal ein Gefühl der Ohnmacht.

Wir passieren schlussendlich die Grenze und schauen zurück nach Kolumbien, auf ein Land, das uns unglaublich überrascht hat: Die Vielfalt an Kultur und Landschaft,  die überaus herzlichen Menschen mit ihrer Fröhlichkeit und einem ungebremsten Optimismus, das gute Essen, allem voraus Kaffee und Schokolade, die farbigen Märkte mit den vielen exotischen Früchten, die bunten Busse, farbenreichen Häuser, und, und, und. Kolumbien, hasta la vista! Vielen Dank für alles und besonders dafür, dass wir uns so sicher fühlen durften, trotz aller Warnungen und Räubergeschichten die diesem Land leider immer noch vorauslaufen. Das grösste Risiko das dir in Kolumbiens widerfahren kann ist: «que tu quires quedar», dass du bleiben willst.

26. Oktober 2019