Mit gespreizten Beinen, das eine in der nördlichen, das andere in der südlichen Hemisphäre, oder ein Kuss über die Äquatoriallinie sind beliebte Fotosujets an der Äquatoriallinie. Schon vor vierzig Jahren war das so, als wir auf dieser magischen Linie in Ecuador standen, nicht unweit von hier, beim ersten Monument an der Panamerika. Das turmähnliche Fundament für die steinerne Erdkugel des dannzumal neuen Monuments war 1978 gerade im Bau und diente für viele Jahre als Wegweiser des Äquators. Erst später, nach Einzug neuer Technologien bemerkte man, dass der wahre Äquator etwa 240 Meter daneben verlief, weshalb eine Nichtstaatliche Organisation in der Nähe von Cayambe das Quitsato-Denkmal baute. Der Begriff Quitsato stammt aus der Sprache des Volkes der Tsachilas, wobei Quitsa ‘Mitte’ und to ‘die Welt’ bedeuten. Deshalb Mitte der Welt oder Midad del Mundo. Das Monument ist ein schlichter, etwa 15 Meter hoher, kaminähnlicher Hohlzylinder, durch den die Sonnenstrahlen zweimal jährlich, bei der Tag- und Nachtgleiche, genau im Lot auf den Boden durchscheinen und er keinen Schatten wirft. Während den anderen Zeiten des Jahres zeigt der Turmschatten den Jahres- und die Tageszeit an. Roberto, ein junger Mann der uns auf Englisch ansprach, erklärte uns, dass dieser Ort nicht umsonst Midad del Mundo heisse, denn nirgendwo auf der Welt verlaufe der Äquator in einer Gegend mit gut sichtbaren und festen Orientierungspunkte zur Beobachtung und Aufzeichnung der Sternenbahnen. Dadurch habe hier in dieser Gegend ein Franzose als erster Europäer 1736 den genauen Verlauf des nullten Breitengrades bestimmen können. An allen anderen Orten der Welt verlaufe der Äquator nämlich entweder über das Meer oder durch dichte Regenwälder ohne jegliche Anhaltspunkte für die Sternenbeobachtung. Anderseits, sagte uns Roberto nicht ohne Stolz, hätten seine Urvorfahren diese wichtige Linie schon seit über tausend Jahren gekannt, darüber würden viele archäologische Fundstätten entlang des Äquators zeugen.


Richtig heiss läuft Roberto auf, während er von seinen Vorfahren erzählt, die mit ihrem immensen astronomischen Wissen Saat- und Erntekalender erstellten und Wettervorhersagen absicherten. Gar nicht mehr zu stoppen ist er in seinen Ausführrungen über den Sternenhimmel, über Astrophysik, Astrologie und Astronomie, Quantenphysik und Gott und die Welt sozusagen. Spanische und Englische Wörter sprudeln aus ihm, abwechselnd wie sie ihm gerade in den Sinn kommen. Dann, bei der Relativitätstheorie angelangt, wechselt er auf Spanisch, was mir erlaubt ihn zu unterbrechen und sogar zu stoppen. Sorry, meint er dann, als studierter Astrophysiker gehe ihm oft viel durch den Kopf, was er selten mit jemanden teilen könne. Mit dem Projekt Quitsato mache er Öffentlichkeitsarbeit um das kulturelle Erbe seiner Vorfahren weiterzugeben und auf die Fundstätten auf der Äquatoriallinie aufmerksam zu machen. Zu viele dieser archäologischen Stätten seien bereits dem Bau von Minen geopfert worden, weil die ecuadorianische Regierung sämtliche Grundstücke für den Bergbau verkaufe, ungeachtet des kulturellen Wertes. Er fragt mich, was die Chinesen wohl sagen würden, wenn ein Ecuadorianisches Unternehmen unter der grossen Chinesischen Mauer nach Gold, Kupfer oder Cadmium graben würde. Auch erzählt er von einer Vision des Quitsato Projektes, alle geographischen Landkarten umzuzeichnen, mit der Äquatoriallinie von oben nach unten. Die Nord-Süd Orientierung sei ohnehin unspezifisch, da es einen wandernden magnetischen Nordpol gäbe und die Erdachse nicht stabil sei. Die Äquatorailline hingegen sein klar definiert. Mit dieser Perspektive würde das Nord-Süd-Gefälle wegfallen, und keine Länder ‘oben’ oder ‘unten’. Wir verfallen darüber in eine hitzige Debatte, denn so logisch erscheinen mir die Argumente dann doch nicht mehr, sie erinnern mich stark an Religion. Robert nutzt einen Ausweg aus der entfachten Diskussion und erwähnt, dass sein Bruder ein anderes kulturelle Erbe pflege. Er arbeite nicht weit von hier mit seinen Eltern an einem Ökoprojekt, um alte Anbautraditionen zu erhalten. «Geht doch zu ihm, in seinem Garten könnt ihr schön campieren», fordert er uns auf, und lächelt: «Wir werden dann am Abend unsere Diskussion fortsetzen». Damit ist uns klar, wo wir die nächsten Nächte verbringen werden.

Tatsächlich eilte unser Ruf uns zuvor, denn als wir den Platz fanden wurden wir bereits erwartet und herzlich empfangen. Am andern Tag zeigt uns seine Mutter den Garten und zeigt uns ihre Früchte und Gemüse. Später begleiten wir sie auch zum nahegelegenen Agavenfeld, wo sie den Agavensaft sammelt. Dabei duckt sie sich tief in die ausladenden Blätter der Agave ein und kriecht zum Wurzelansatz, wo sie mit der Schöpfkelle aus der herausgeschnittenen Höhle den Saft eines Tages herausnimmt. Zurück im Haus zeigt sie uns, wie sie mit dem Saft entweder Konfitüre süsst, ein erfrischendes nichtalkoholisches oder alkoholisches Agavengetränk macht und wie sie einen Schnaps daraus brennt, ähnlich dem Tequila oder Mezcal von Mexiko.

Ibarra, Otavalo, Quito und all die schönen Orte unten im Urwald lassen wir links und rechts liegen. Wir wollen diese Orte nicht mehr aufwärmen, sondern so in unseren Erinnerungen belassen, wie wir sie vor langer Zeit bei unserer ersten Reise gesehen und erlebt haben. Zügig fahren wir deshalb weiter in den Sommer der Südhalbkugel und lassen den beginnenden Winter der nördlichen Hemisphäre hinter uns. Einmal mehr bringt uns eine holperige Schotterstrasse auf über 4000 Meter hinauf zur Hochebene des Cotopaxi Nationalparks, aus der eine der schönsten Pyramiden herauswächst: Der fast 6000 Meter hohe, schneebedeckte und rauchende Vulkan Cotopaxi. Nur schemenhaft, fast könnte man meinen scheu, zeigt er sich hinter den Nebel- und Wolkenschleier, mal zeigt er uns die kalte Gletscherschulter, mal den heissen Schlund, doch nie sein ganzes Gesicht. Zur Inkazeit wurde dieser Vulkan als Sitz der Götter verehrt. Erst nach zwei Tagen, kurz vor unserem Aufbruch zur Weiterfahrt, zeigt er sich für eine kurze Zeit in all seiner Pracht. Wir wandern, unternehmen kleine abenteuerliche Gipfeltouren und geniessen die Wildnis mit den vielen Wildpferden, den frechen Vögel und bunten Pflanzen. Apropos Pflanzen: Eines Morgens treffen wir die Königin der Nacht, Selenicereus grandiflora, eine Kakteenblüte, die nachts aufgeht und einen Tag lang zu bewundern ist bevor sie welkt und geht, wie Selene, die Mondgöttin.

4. November 2019