«Bogotá, ist mit fast zehn Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Südamerikas und erlebt zurzeit die besten Jahre seiner neueren Geschichte mit einem boomenden Tourismus» sagt Hans, der für die Bühler Uzwil arbeitet und für Getreidemühlen in ganz Kolumbien zuständig ist. Wir reffen ihn vor einem Kaffee, das sein Stammlokal ist. Seit mehreren Jahren lebt er hier und kennt die Stadt von mehreren Facetten. «Hoffentlich ist nun der über fünfzig Jahre dauernde Bürgerkrieg abschliessend zu Ende, mit dem Friedensvertrag, der die Regierung mit der FARC-Guerilla unterzeichnet hat» fährt er fort und meint, dass dies jetzt schon die Wirtschaft antreibt. «Du kannst fast jeden Tag ein neues Bürogebäude in den Himmel wachsen sehen oder Baustellen für bessere Strassen und die Kriminalität ist auch stark zurückgegangen.» Zweifellos gefällt es Hans hier, und je länger, desto mehr, auch uns.

Von Salento aus sind wir weiter der Kaffeeregion Kolumbiens gefolgt, einer wohlwollenden, sanften Landschaft mit schmiegsamen Hügelzügen. Obwohl Bogotá gemäss unserem Navi noch immer über hundert Kilometer entfernt ist, tauchen die ersten Vorstadtslums auf und die Verkehrsdichte nimmt im gleichen Masse zu wie die Staublöcher in der Strasse. Armselige Blechbaracken beherbergen Kioske, Reparaturwerkstäten und allerlei Ramschläden, die Armut ist sicht- und riechbar. Hier draussen am Stadtrand fühlt man sich nicht wohl, besonders an Strassenkreuzungen mit Rotlicht, wo ein jeder etwas anzubieten hat: Jener schlägt mit einem Holzknüppel auf unsere Pneus und verlangt für das ‘Kontrollieren des Pneudruckes’ seinen Lohn, andere wischen mit einem feuchten Staublappen die Frontscheibe ab, wieder andere bieten Kaugummis und Wasser an. Meist sind die Blicke dieser Strassenarbeiter zuerst bittend und dann schnell auch fordernd. Näher am Stadtzentrum scheint eine andere Welt sich zu öffnen, die Strassen und die Häuser sind gepflegter, irgendwie friedlicher. Wie im Auge des Hurrikans windstille herrscht, wird es im Stadtzentrum ruhiger. Erst später wird uns klar, dass heute Samstag Verkehrsfreie Innenstadt mit vielen für Fussgänger und Fahrräder gesperrte Strassen. Die erste Nacht schlafen wir auf einem öffentlichen Parkplatz mitten in der Altstadt, im Quartier La Candelaria. Zufälligerweise, muss man sagen, denn durch die vielen gesperrten Strassen finden wir uns überhaupt nicht zurecht. Der Parkwächter ist überaus besorgt und bietet uns sogar seine Toilette an und versichert uns, dass wir bestimmt eine ruhige Nacht vor uns hätten. Auch weiss er uns viele Tipps zu geben, von seiner Stadt, die er überaus liebt. Er verrät uns, dass die Orientierung sehr einfach ist: Carreras verlaufen parallel zum Berghang, die Calles rechtwinklig zum Berg und alle Strassen sind einfach durchnummeriert. Dieses Quartier sei die beste Ausgangsbasis um Bogotá kennen zu lernen, und sei heutzutage überaus sicher. Vor zehn Jahren, meint er, hätte man nach Einbruch der Dunkelheit keinen Schritt ausserhalb der eigenen vier Wänden gewagt. Verschiedene Gangs versuchten den Drogenhandel zu dominieren, Bandenkriege, Gewalt und Raubüberfälle seien nachts Tagesordnung gewesen. Wir logieren die nächsten drei Tage in einem gemütlichen Hostal und geniessen den verkehrsfreien Sonntag mit einer Velotour.

Was wir von Bogotá nach Hause nehmen?

Die Erinnerung an die vielen jungen Leute, die zu Tausenden friedlich für bessere Bedingungen an den Universitäten demonstrierten und die Polizei, die mit grosser Gelassenheit in Vollmontur die Demo begleitete. Die vibrierende Aufbruchstimmung der jungen Leute, davon viele Studenten, die aufgestellt über das Kopfsteinpflaster der Altstadt zogen und uns den Eindruck vermittelten, dass sie ein neues El Dorado aufbauen. Viele Grafites, die Stadt ist voll davon, die Geschichten erzählen von Angst, Vergangenheit aber auch von Freude und Zukunft. Ihr El Dorado ist keines aus purem Gold, sondern ein Nachhaltiges durch kritisches Nacharbeiten der Vergangenheit. Hoffentlich gibt ihnen die Politik genügen Rückhalt und Sicherheit, damit dieses El Dorado länger anhält als dasjenige der Inka und nicht von geldgierigen, kurzsichtigen Ganoven ausgebeutet wird.

Übrigens, das „Goldfloss von El Dorado“, das wohl berühmteste Exponat im Goldmuseum Bogotá, kaum 18 Zentimeter lang, beeindruckte uns nur wenig. Anscheinend soll diese Skulptur bei den Spaniern den Mythos vom Goldland „El Dorado“ ausgelöst haben. Es wurde gemutmasst, dass dieses Floss die Darstellung einer Zeremonie sei, gemäss derer jeder neue König der Muisca mit Gold bestäubt mit einem Floss auf den Guatavita-See hinausgefahren sei um zu Ehren der Götter Gold und Edelsteine zu versenken. Noch heute gäbe es Abenteurer, die auf der Suche dieses Sees seien.

17. Oktober 2019