Notgedrungen parken wir am Strassenrand an der Pazifischen Küste zwischen Culican und Mazatlan, es schüttet in Strömen. Zwischen den Scheibenwischerpassagen sehen wir in kurzen Intervallen den Wasserstrom, der inzwischen das Strassenbett erobert hatte und wo sich nur noch die ganz tollkühnen Lastwagenfahrer furchtlos wie auf hoher See kreuzen. Der Regen kam plötzlich, jedoch nicht unverhofft, denn schon von weitem sahen wir die graue Wand auf uns zukommen, die auch etwas Abkühlung versprach. Die 44° heisse Aussentemperatur, zusammen mit der brennenden Sonne, schaffte ein Tropenklima im Innern des Autos, wodurch selbst die Klimaanlage ins Schwitzen kam. Fünfzehn Minuten später ist der Spuck vorbei, das Regenwasser gibt die Strasse wieder frei. Moni schiebt den Blinklichtschalter runter, schaut über die Schulter und fährt über den angeschwommenen Müll zurück auf die Hauptstrasse.

Zügig geht’s weiter. In Mazatlan lädt das Meer für eine kurze Abkühlung ein, kurz, weil wir bald weitermüssen, wenn wir heute noch auf die Sierra Madre, das Mexikanische Plateau, gelangen wollen. Innerhalb wenigen Stunden klettern wir 2000 Höhenmeter hinauf, über die kurvenreiche, sehr gut ausgebaute Strasse, die in den Vierzigern als Verbindung zwischen der Golfregion und dem Pazifik angelegt wurde. Der oberste Abschnitt führt entlang einer kantigen Felsformation, die Teufels-Rückgrat genannt wird und in dieser Anlehnung auch als Ruta 666 bezeichnet ist. 666, biblisch gedeutet eine teuflische Zahl, in China hingegen gilt sie als dreifache Erfolgszahl (liu). Wang An’s Bentley (das Auto meines ehemaligen Chefs in Yantai) trägt das Nummernschild 66699, mein dunkelblauer Honda trug hingegen nur zweimal die Sechs und sogar eine Drei! Na ja, soviel über Hierarchien.

Die Sonne ist schon längst hinter dem Horizont verschwunden und wir fahren bereits mit Licht, als vor uns Durango auftaucht. Viel Zeit für eine ausgiebige Suche nach einer Unterkunft bleibt uns nicht, die erste Gelegenheit werden wir also nutzen, was immer auch kommt. Und sie kommt gleich eingangs Stadt auf der linken Strassenseite, wo eine rot beleuchtete Einfahrt das Motel Boutique hervorstechen lässt. Knapp passen wir in der Höhe durch das Tor und stehen unvermittelt vor einer geschlossenen Barriere, wie wir sie von unseren Parkhäusern in der Schweiz kennen. Nach dem Drücken des Knopfes an der Konsole ertönt eine warme Frauenstimme, die uns erklärt, dass heute ein Discounttag sei, für 450 Pesos zwölf Stunden – und schups öffnete sich die Barriere. Im verzweigten Innenhof sehen wir nichts anderes als Garagentore, jedoch zu nieder für den DaBa. Da erscheint aus dem Nichts auch schon ein Senior, zeigt uns, wo wir das Auto sicher für die Nacht stehen lassen können und steckt die 450 Pesos in die Tasche. Eine Rezeption gäbe es nicht, erläutert er uns, und anmelden müssen wir uns ohnehin nicht, dies hier sei ein diskreter Ort. Anschliessend führt er uns durch ein Garagentor zur Zimmertür und erklärt uns detailliert die Funktionen des kleinen Schaltpultes, innen an der Wand neben dem edlen Ledersofa, in Weiss natürlich. Indirekte Beleuchtung in Rot oder Blau – auch alternierend; Discokugellicht über der Bar; rotes Licht unter dem Bett; Sternenhimmel im Salon; Licht Bad, Licht Dusche; Fernseher mit Sonderprogrammen im Salon und WC; vier Spotleuchten an den Ecken des Spiegels, der über dem Bett angebracht ist; und hier, er deutet zur Wand neben der Tür, die Klimaanlage, falls es uns zu heiss werden sollte. Dann noch die Gegensprechanlage, er verweist auf den Drücker neben dem Schaltpult. Hier könne man die Bestellung aus der Menükarte durchgeben, selbstverständlich mit vierundzwanzig Stundenservice. Die Artikel würden etwa dreissig Minuten danach von aussen diskret in eine Wandnische geschoben, welche von innen durch Öffnen dieses Schiebers zugänglich sei. Und verschwunden ist der Senior, diskret wie er aufgetaucht war – von nirgendwo. Übrigens, die Menükarte glich einer Jubiläumsausgabe eines kulinarischen und erotischen Sammelbandes, der alles beinhaltet, nach was es einem gelüsten könnte – davor, während und danach. Für sämtliche Signale des Körpers war sozusagen etwas dabei.

Stundenhotels sind hier in Mexiko alles andere als verpönt, sie sind Zufluchtsorte für junge Pärchen oder Liebeshungrige, denen es zu Hause bei den Eltern oder der Familie zu eng ist.

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